Interview
07.05.2009 08:40 Uhr

Steinbrück wettert, Juncker kontert

Von Andreas Holpert

Der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück hat die Geduld Luxemburgs überspannt. Mit deutlichen Worten hat Premierminister Jean-Claude Juncker am Mittwoch im Interview mit dem LW auf die wiederholten Verbalattacken aus dem Nachbarland reagiert. „Es reicht. Ich verlange Respekt für Luxemburg“, sagte Juncker. Das Parlament hat eine Resolution angenommen, in der vor allem die Wortwahl von Steinbrück verurteilt wird.



Foto: Marc Wilwert
„Es mag ja sein, dass Herr Steinbrück qualifiziert ist, die Bundesfinanzen zu verwalten. Er wäre jedoch keine Idealbesetzung für einen sensibleren Posten in der deutschen Regierung“, sagte Premier Juncker.

Der deutsche Finanzminister Steinbrück hat in Brüssel Luxemburg in einem Atemzug mit einem Entwicklungsland genannt. Er wolle alle möglichen Länder – „Luxemburg, Liechtenstein, die Schweiz, Österreich, Ouagadougou“ – zu einer Steuerkonferenz in Berlin einladen. Ougadougou ist die Hauptstadt von Burkina Faso in Westafrika. Was soll dieser Vergleich?

Burkina Faso ist eines der Zielländer der luxemburgischen Entwicklungspolitik und bestimmt keine Bananenrepublik, wie vielfach zu lesen war. Luxemburgs Entwicklungshilfen entsprechen 0,92 Prozent des BSP. Deutschland bringt es nicht einmal auf die Hälfte. Damit hat auch der deutsche Finanzminister zu tun. Ich verbitte mir die Art und Weise, so mit afrikanischen Staaten umzuspringen.

Steinbrück hat in Brüssel auch die Kritik des Luxemburger Premiers an den beim G-20-Gipfel erstellten Listen nicht nachvollziehen können. Warum?

Ich habe mich wiederholt und freundlich im Ton negativ über die G-20-Listen geäußert. Steinbrück hat zugegeben, dass er meinen Ärger versteht. Umso überraschter war ich, dass er, der an der steuerpolitischen Debatte im Ecofin-Rat nicht teilnahm, sich im Nachhinein dazu verleiten hat lassen, Luxemburg, die Schweiz, Österreich, Liechtenstein und Burkina Faso in einer Reihe aufzuzählen. Das zeigt eine Art und Weise im Umgang mit kleineren Nachbarn, die inakzeptabel ist.

Ich verlange nicht, dass Deutschland der luxemburgischen Steuerpolitik seinen Segen gibt. Ich mache aber darauf aufmerksam, dass wir einverstanden sind, den OECD-Standard zu übernehmen und den Informationsaustausch auf Anfrage zu akzeptieren. Es gibt daher keinen nachvollziehbaren Grund, Luxemburg als Steuerparadies zu bezeichnen. Das waren wir nie und sind es auch jetzt nicht.

Ist das Vorgehen Steinbrücks in Ihren Augen geschickt?

Wenn die deutsche Diplomatie denkt, es wäre geschickt, sich mit ihren kleinen Nachbarn anzulegen, dann antworte ich „weniger Hosenschiss bei Obama und etwas mehr Umsicht mit uns“.

Im März hatten sich die EU-Partner gegenseitig versprochen, dass keines der Mitglieder beim G-20-Treffen auf eine Liste kommen sollte. Werfen Sie Deutschland Wortbruch vor?

Wir hatten im März 2009 diesbezüglich einen einstimmigen Ratsbeschluss. Die Europäer, die am Treffen in London teilnahmen, haben dafür gesorgt, dass chinesische, britische und amerikanische Finanzplätze nicht auf einer Liste auftauchten. Gleichzeitig haben sie akzeptiert, dass Luxemburg, Österreich, Belgien und die Schweiz auf eine graue Liste kamen. Sogar die Russen glauben nicht, dass ihre Finanzplätze sauberer sind als der luxemburgische Finanzplatz, nur die Deutschen scheinen das zu glauben.

Verbalattacken aus den großen Nachbarländern sind nicht neu. Ist es nun an der Zeit, sich offensiv gegen die wiederholten Entgleisungen zu wehren?

Die Beziehungen leiden erheblich unter den Angriffen des deutschen Finanzministers. Es mag ja sein, dass Herr Steinbrück qualifiziert ist, die Bundesfinanzen zu verwalten. Er wäre jedoch keine Idealbesetzung für einen sensibleren Posten in der deutschen Regierung.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für das deutsch-luxemburgische Verhältnis?

Wir haben uns seit dem Kriegsende um ein gutes Verhältnis zu Deutschland bemüht. Ich sehe auch keine Belastung für das Verhältnis zwischen den Deutschen und den Luxemburgern. Die Beziehungen zu einem Teil der deutschen Regierung sind aber massiv gestört, was diesem Teil der Regierung egal erscheint. Es werden Flächenbrände neu entzündet, die wir längst ausgetreten hatten.

Sie haben ein Nachspiel angekündigt. Was bedeutet das?

Ich werde beim nächsten europäischen Rat Ende Juni die Frage stellen, ob die einvernehmlichen Ratsbeschlüsse nicht mehr für alle Mitglieder verbindlich sind, wenn sie an anderen Tischen sitzen. Es geht um die Konsistenz der europäischen Geschäftsgrundlage.

Das Luxemburger Parlament hat am Mittwoch eine Resolution verabschiedet. Welches Signal soll damit über die Grenze gesendet werden?

Es zeigt, dass die Luxemburger denken, dass es jetzt reicht. Bis jetzt habe ich stets persönlich mit den Absendern der Verbalattacken geredet. Weil die Angriffe weitergingen, kam es zu einer parlamentarischen Reaktion. Die muss man in Deutschland nicht zur Kenntnis nehmen. Es wäre allerdings ratsam, wenn man es täte. Ich verlange Respekt für Luxemburg. Luxemburg verdient nicht weniger Respekt als Deutschland.

Ihre Meinung zum Thema

( 14 )
  • Erik Wille meint:
    07.05.2009, 21:36 Uhr
    In der Zwischenzeit hat sich Burkina Faso zu Wort gemeldet und sagt, dass diese in Steuerdingen keine Kriminellen schützen.

    http://www.vaterland.li/page/newsticker/eigene.cfm?id=3694&zeitraum=3
  • Nic Kugeler meint:
    07.05.2009, 20:58 Uhr
    An D.W.: Warum verstecken Sie sich hinter Initialen (?)?
    Welcher "Landmann" Sie sind ist mir auf          jeden Fall klar!!!

    Zu Herrn Steinbrück:

    Langsam - im Alter braucht man mehr Zeit zum Überlegen - komme ich zur Überzeugung, dass Herr Steinbrück wohl (zusammen mit Herrn Müntefering, aber der scheint ja anderweitig beschäftigt zu sein, Gott sei Dank) der einzige ehrliche deutsche Politiker ist: er sagt offen, was er will, auch wenn er im Ton oft an längst vergangene, jedoch nicht vergessene Zeiten erinnert.
    Im Internet wird er als "Merkels Wadenbeisser" bezeichnet.
    Muss man nicht annehmen, dass die Pfarrerstochter aus der Uckermark (ex-deitsche d'mokrat'sche R'publik) die gleichen Ziele verfolgt, aber es nicht offen sagt. Das wäre doch die feine deutsche Art, die den Luxemburgern wohl bekannt ist. - Ich muss wohl nicht ein diesbezügliches, altes luxemburgisches Sprichwort zitieren, werde es aber gerne tun, wenn Interessenten es wünschen sollten. -
    Herr Juncker soll nur aufpassen, falsche Freunde gibt's zuhauf.
  • Ruedi Durrer meint:
    07.05.2009, 19:30 Uhr
    @Wagner Lutz
    Entschuldigen Sie bitte, aber ich würde mich schämen, Herrn Juncker auf dem gleichen Niveau wie Steinbrück zu plazieren! Ersterer scheint noch zu wissen, was Anstand ist, was man vom andern wirklich nicht sagen kann.
  • Rainer Burow meint:
    07.05.2009, 16:49 Uhr
    Diese Angriffe gegen Nachbarländer lenken hervorragend vom eigentlichen Problem ab : in seit Jahren zunehmendem Mass werden Geringverdiener durch die Steuerprogression in Deutschland abgezockt. Das soll angeblich politisch nicht gewollt sein, geändert wird
    es nicht. - Steinbrücks Verhalten ist grob unhöflich.
    Die Kanzlerin unfähig, diese Amokläufe zu unterbinden.
    Viele finden diese Attacken nicht anstössig. Es herrscht weit verbreiteter Unmut über die Tatsache, dass Deutschland immer der grösste Finanzierer der EU ist und Luxemburg steht für EU und Eurokraten, da wird Genugtuung empfunden, wenn es einer " denen da " mal richtig zeigt.
  • Wagner Lutz meint:
    07.05.2009, 12:38 Uhr
    Sowas nennt man Populismus...

    Sowohl Steinbrück und Junker veranstalten eine unnötige auf tiefstem Niveau geführte Debatte, die selbst das Niveau eines Kneipenstammtischs nicht mehr erreicht.

    Das mögen einige Wähler vielleicht gut finden, aber es klingt immer mehr nach naionalistischem Quark. Wenn beide Herren, beide international bekannt für ihre Stammtischmanieren, sich nicht gesitteter verhalten können, dann haben sie die falschen Jobs.

    Man könnte fast meinen es wären bald Wahlen... achja... es sind ja bald Wahlen ;-)
  • Alain Resio meint:
    07.05.2009, 12:28 Uhr
    als allereicht well ech mol soen dass letzebuerg iwert den junker sech mat guddem recht opregt an sech och verteidegen sollt.awer op diplomatescher art ann keng "schlammschlacht" organizeieren.
    an elo zum herr alan orange:
    aeren komentar as genau esou niveualos wei dem steinbrueck seng domm saetz.
    ech als nett letzebuerger(zu letzebuerg gebuer) an sait kurzem och grenzgaenger hoffen dass wann emol esou en peage an vignette bestoen soll dass dir ganz oft doduerch fueren musst wann dir emol aus dem scheinen awer klengen land eraus musst...an dann laaachen ech :):):)
  • Alan Orange meint:
    07.05.2009, 11:56 Uhr
    Ee Péage op Waasserbëlleg an op Bierchem, oder eng Autobunnsvignette!
    Da kënnen Steinmeier a Sarkozy weinstens mat innerpolitesche Konsequenzen rechnen wann Sie als Goliath mengen den David unzegreifen. Mir sollten hinnen widdert d'Been pissen andem mer eis frontalieren op se hetzen.
  • Marc Schmit meint:
    07.05.2009, 11:35 Uhr
    Juncker an Steinbrück mëssbrauchen deen ganzen Sujet fir Wahlkampf ze maachen. An bei der nächster Präisiwwerreechung klappen së sech dann nees ob d'Schëller. Daat ganzt ass bëllegen Populismus. Meng Stëmm kridd der domadder nët Häer juncker
  • GOELFF MARC meint:
    07.05.2009, 11:23 Uhr
    Richteg!
  • benny boudia meint:
    07.05.2009, 10:51 Uhr
    éischten,
    > „weniger Hosenschiss bei Obama"
    das ist aber auch Bistrotsniveau. Die Rolle Luxemburgs in Europa war noch nie so klein wie heute. Niemand nimmt uns ernst, man attackiert uns sogar mit Klischees. Und dann sagt wird gesagt: Europa hilft uns? Im Herbst wird es wohl zu einer Rekordarbeitslosigkeit "am Ländchen" hier kommen. Und wie steht es dann mit der sozialen Kohäsion bei 44% Ausländern? Der Sturm ist im Anmarsch.
  • Dr. Dorand meint:
    07.05.2009, 10:02 Uhr
    Et mecht Senn, dass den Här Juncker sech dem Steinbrück an de Wee stellt - sai Verhaalen a seng Ausdrocksweis ass net tolereierbar, onoofhängeg vum Thema.
    Allerdings stellt sech d'Fro op dei Opreegung iwwerhaapt lount - duerch dei Aussoen diskrediteiert de Peer sech net nemme selwer, mee e brengt domadd och seng politesch Karriere op en Enn. Mat vill Chance op de Posten komm, an ouni grouss politesch Errungenschaften opweises ze hun, leeft seng Zait seier oof. Och dei Daitsch sin net der Daiwel spatz op en Politiker, deem sai Mond mei schnell schafft wei sai Kapp, an deen domadd net nemme seng Persoun, mee och sai Land a Verruf brengt.
  • Kersch Guy meint:
    07.05.2009, 09:55 Uhr
    Letzeburg soll et machen ewei d'Schweiz: weinstens dei 12 Ofkommen mat der OECD-Informatiounsklausel ofschleissen, mais ként vun déne 12 mat Deitschland. D'Schweizer soen einfach, dass esou en Ofkommen mat Deitschland keng Prioriteit huet.
  • Meiers Tom meint:
    07.05.2009, 09:30 Uhr
    Ich schäme mich als Deutscher für solcherlei Entgleisung eines Volksvertreters, wie Steinbrück Als personalverantwortlicher Entscheider würde ich ihm die PERSÖNLICHE Eignung für dieses Amt in vollem Umfang absprechen.

    Aber vielleicht hat er ja einfach "nur" ein Testosteron-Problem. Was sich lösen läßt, wie das die Bild-Zeitung heute in Sachen Müntefering vorführt.

    Ärgert euch NICHT, bitte.
  • D. W. meint:
    07.05.2009, 09:19 Uhr
    Ich denke, Juncker - der sich jetzt anscheinend auf ein mehr polemisches Niveau herabziehen lässt (Hosenschiss etc.) - irrt hier. Luxemburg, die Luxemburger und ihre Politiker, allen voran Herr Juncker - genießen einen ganz außerordentlich hohen Respekt und ein augezeichnetes Ansehen in Deutschland.

    Man sollte nur einmal daran erinnern, wie häufig der Deutschlandfunk, der seriöseste und renommierteste, bundesweit gehörte Rundfunkender der Bundesrepublik, luxemburgische Politiker zu deren Auffassung über europäische und internationale Politik interviewt. J.C. Juncker, Jean Asselborn und andere sind dort gern gehörte und hoch geschätzte Stammgäste.

    Man sollte die Bedeutung einer solchen, auf einen bestimmten Punkt begrenzten Auseinandersetzung, wirklich nicht überbewerten. Freuen wir uns lieber: Der Meinungsstreit hat dank der Lebhaftigkeit der Beteiligten einen guten Unterhaltungswert, und zudem gibt es die beruhigenden Gewissheit: Politiker sind halt auch nur Menschen, die sich mal im Ton vergreifen und Dinge sagen können, die sie besser nicht gesagt hätten. Wem ist das noch nicht passiert?