Interview: Hülya Atasoy
Schweißausbrüche, Herzrasen, zittrige Hände: Für Menschen, die an Angststörungen leiden, sind vermeintlich alltägliche Dinge, wie zum Beispiel eine Fahrt mit dem Aufzug, eine regelrechte Qual. Etwa jeder vierte Luxemburger leidet zumindest einmal in seinem Leben an einer solchen Störung.
wort.lu hat zu diesem Thema mit Dr. Charles Pull, Psychiater am „Centre hospitalier de Luxembourg“ und Leiter des „Laboratoire des troubles émotionnels“ (LATE) im CRP-Santé, ein Gespräch geführt. Er hat sich auf die Behandlung von Menschen mit Angst- und Zwangsstörungen spezialisiert.
Charles Pull: Jede vierte bis fünfte Person leidet einmal in ihrem Leben an einer Angststörung. Diese Zahlen beruhen auf epidemiologischen Studien.
Pull: Ja. Jemand, der vor irgendetwas Angst hat, leidet noch lange nicht an einer Störung. Diese liegt erst dann vor, wenn die Angst ein Leiden verursacht oder eine Behinderung auslöst. Wenn beispielsweise ein Mensch an Flugangst leidet, aber nicht gezwungen ist, auf dieses Verkehrsmittel zurückzugreifen, dann entwickelt sich daraus auch keine Störung. Man muss also zwischen einer Phobie und einer phobischen Störung unterscheiden.
Pull: Vor ganz unterschiedlichen Dingen. Menschen können zum Beispiel Angst vor dem Fliegen, vor Tunneln, vor Supermärkten, vor einem Menschenauflauf oder auch vor dem Bus fahren haben. Sehr häufig sind auch Panikstörungen, wenn also Menschen ohne einen spezifischen Grund Angst haben.
Pull: In der Regel unterziehen sie sich einer kognitiven Verhaltenstherapie, die in Einzel- oder Gruppensitzungen abgehalten wird. Gemeinsam mit den Patienten konzentrieren wir uns darauf zu erkunden, was das Problem ist. Weniger im Vordergrung steht dabei hingegen die Frage, woher diese rührt. Teil der Behandlung sind zum Beispiel Atemübungen oder auch Entspannungstechniken.
Konfrontationsübungen, bei denen wir progressiv vorgehen, sind eine weitere Therapieform. Sie können aber erst durchgeführt werden, wenn ein Betroffener seine Angst kontrollieren kann – und genau dazu sind die vorherigen Vorgänge notwendig.
Die Konfrontationsübungen können in der Imagination, also in der eigenen Vorstellung, oder in der Wirklichkeit unternommen werden. Ferner können die Patienten mit einer virtuellen Therapie behandelt werden. Dazu wird ihnen ein Helm aufgesetzt, der aus zwei Videoschirmen besteht. Der Therapeut spielt daraufhin einen Film, der für den Patienten eine angstauslösende Situation oder Objekte wiedergibt, ein und steuert dann das weitere Geschehen.
Pull: Ja. Diese Behandlungsform ist sehr wirksam und ihre Vorteile sind offensichtlich. Es können Zeit und Geld eingespart werden und es gibt keine Gefahren bei der Behandlung. Dazu können wir die Patienten in die unterschiedlichsten Situationen und Umgebungen hineinversetzen, etwa in einen Tunnel oder inmitten eine Menschenmenge.
Wir bereiten derzeit ein Programm vor, bei dem wir uns auf zwei bestimmte Phobien, nämlich die Flugangst und die Angst vor dem Autofahren, konzentrieren wollen. Die Therapie soll so realitätsgetreu wie nur möglich gestaltet werden. Zur Behandlung der Flugangst wollen wir zum Beispiel die Videosquenzen einspielen, während der Patient in einem Flugzeugsessel sitzt.
Pull: Das ist ganz unterschiedlich. Eine einfache Spinnenphobie kann nach zwei bis drei Sitzungen kuriert sein. Ein Patient mit einer sozialen Phobie benötigt wiederum eine längere Therapie. Diese kann durchaus 20 Sitzungen zu jeweils zwei Stunden umfassen.
Pull: Ursachen gibt es viele. Bei einigen Menschen spielt die Genetik eine Rolle, bei anderen wiederum die Erziehung. Auch können bestimmte Ereignisse eine Angststörung hervorrufen. Bleibt beispielsweise jemand über Stunden in einem Aufzug stecken, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er keinen Fuß mehr in einen Lift setzen möchte.
Pull: Die Konsequenzen sind vielfältig. Oft kommt es vor, dass ein Betroffener versucht, allein mit der Störung klar zu kommen, indem er zum Beispiel zu Alkohol oder Medikamenten greift. Dies kann aber zu einer Abhängigkeit führen. Folglich ist eine Sucht eine der möglichen Konsequenzen. Auch können Depressionen auftreten oder die Selbstsicherheit, das Selbstwertgefühl oder auch die Achtung gehen verloren. Zudem kann es zu Problemen mit Freunden und der Familie oder auch am Arbeitsplatz führen.
Pull: Ja. Dieses Buch ist ein Ratgeber für die Betroffenen selbst . Wir wollen ihnen damit aufzeigen, was es mit den Angststörungen auf sich hat, dass ihr Leiden häufig vorkommt und dass ihnen geholfen werden kann. Oft sind Publikationen zu diesem Thema kompliziert und schwer verständlich. Unser Buch besteht aus vielen kleinen Kapiteln, ist mit vielen Bildern anschaulich gestaltet worden und enthält Beschreibungen, in denen sich die Menschen wiederfinden sollen. Das Buch wurde im vergangenen Jahr veröffentlicht und ist nun - nachdem die erste Edition vergriffen war – zum zweiten Mal aufgelegt worden.