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Angststörungen
20.04.2009 09:52 Uhr, aktualisiert 23.02.2010 15:08 Uhr

„Mein Leben war die Hölle“

Von Hülya Atasoy

„Mein Leben war die Hölle auf Erden“: das sagt der 50-Jährige Paul Thillmann aus Luxemburg-Stadt. Der zweifache Familienvater litt 13 Jahre lang an einer Angsterkrankung, genauer gesagt an einer Angst vor dem Sterben (Herzphobie), die immer wieder in richtige Panikattacken ausartete. Dabei brach ihm der Schweiß aus, der Puls raste, die Knie wurden weich und Schwindelgefühle befielen ihn. „Bei jedem Anfall hatte ich das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren und nicht mehr Herr über meinen eigenen Willen zu sein“, sagt er heute.

Die Herzphobie war derart stark ausgeprägt, dass er Plätze und Orte, an denen es keine ärztliche Behandlungsmöglichkeiten gab, mied. Waldspaziergänge seien aus diesem Grund ebenso wenig möglich gewesen, wie eine Zugfahrt oder auch ein Campingaufenthalt. Und selbst der Gang zum Briefkasten war während einer Angstattacke für ihn nicht zu schaffen.

In den ersten Jahren seiner Erkrankung hatte der 50-Jährige viele Ärzte konsultiert – doch ohne Erfolg. Keiner wusste, was ihm fehlte. Körperlich war er kerngesund. „Ein Angstpatient beschreibt zu Beginn immer erst die körperlichen Symptome, wodurch eine korrekte Diagnose erschwert wird. Ich hatte jedenfalls oft das Gefühl, dass die Ärzte mich für einen Simulanten oder einen Hypochonder halten.“

Sechs Jahre nach seiner ersten Angstattacke konnte ihm schließlich seine Herzphobie diagnostisziert werden. Die empfohlene medikamentöse Behandlung lehnte er jedoch ab – aus Angst, in eine Abhängigkeit zu geraten. Und die empfohlene Therapie lehnte er ebenfalls ab. Der Grund: „Ich sagte mir, dass wenn es Angst ist, woran ich leide, bin ich ja nicht wirklich krank.“

Unverständnis und Ratlosigkeit

Martine D. (Name von der Redaktion geändert) aus Luxemburg-Stadt hat ähnliches durchgemacht. Die 51-Jährige ist von Beruf Hausfrau und litt über zwei Jahrzehnte lang an einer Angsterkrankung. Sie hat sich ständig gefürchtet. Dies jedoch vor ganz unterschiedlichen Dingen - mal vor der Dunkelheit, mal vor dem Tageslicht, mal vor dem Allein sein oder auch vor einem Kontrollverlust. „Meine Angstzustände hatten einen großen Einfluss auf mein Leben“, sagt die Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Kindern rückblickend. „Angenommen, mein Mann und ich waren zum Essen bei Bekannten eingeladen. Erlitt ich auf der Fahrt eine Panikattacke, dann mussten wir umkehren, selbst dann, wenn wir schon kurz vor dem Ziel waren“, erzählt sie. Sicher habe sie sich eigentlich nur in ihren eigenen vier Wänden gefühlt.

Als besonders unangenehm empfand die 51-Jährige den Umstand, durch ihre Angstzustände kaum noch spontane Unternehmungen machen zu können. „Bei mir musste immer alles im Vorfeld geplant werden. Ich hatte stets große Angst vor dem Ungewissen und somit auch vor spontanen Unternehmungen. Ständig überlegt man sich, was alles passieren kann, auf wen man trifft, worüber gesprochen wird. Es machte mich sehr müde, soviel nachzudenken.“

Wie schon bei Paul Thillmann, waren auch in ihrem Fall die Ärzte viele Jahre lang ratlos. Und genau wie er war hatte auch sie bei den zahlreichen Arztkonsultationen oft das Gefühl, auf Unverständnis und Ratlosigkeit zu stoßen.

„Die Angst war für mich wie ein Signal"

Woran sie litt erfuhr sie dann eher durch Zufall, als sie nämlich in einer Zeitung einen Artikel über Angsterkrankungen entdeckte. Ihren Weg aus der Krankheit beschritt Martine D. schließlich durch eine Art „Selbsttherapie“, indem sie sich nämlich immer wieder ihren Angstsituationen stellte. Dabei versuchte sie herauszufinden, in welchen Situationen die Angst auftrat und was sie bedeuten könnte, um sie so zu überwinden. „Die Angst war für mich wie ein Signal. Ich fragte mich einfach, was sie mir sagen will“, so die 51-Jährige, die während des beinahe 15 Jahre andauernden Heilungsprozesses durch ihren Ehemann viel Hilfe und Unterstützung erfuhr.

„Die Familie bekommt alles mit und sie leidet darunter“, sagt Paul Thillmann. Wer eine Angsterkrankung habe, sei nunmal eingeschränkt, da es eben nicht möglich sei, frei und spontan zu leben.

Entspannung- und Atemtechniken, sowie die Konfrontation mit der Angst – dies waren letztlich für den Familienvater die Mittel, mit denen er seine Herzphobie überstand. „Ich musste die Ängste bis zum Ende einer Attacke durchstehen und dabei lernen, dass es sich eben nur um irreale Gefühle handelt“, sagt Thillmann, dessen Heilung rund sechs Jahre andauerte.

Sowohl bei Martine D. als auch bei Paul Thillmann sind inzwischen viele Jahre seit der letzten Angstattacke vergangen. Beide haben es geschafft, ihre Angststörung zu überwinden und auch frei darüber zu sprechen. Und um nun eben auch die eigenen Erfahrungen mit anderen zu teilen, sich auszutauschen und auch neue Sichtweisen kennen zu lernen, dafür engagieren sich beide seit einigen Jahren in der Selbsthilfegruppe „Lëtzebuergsch Angschtstéierungshëllef“ (L.A.S.H. Asbl).

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