Alkoholiker zu sein ist keine Schande - Nichts dagegen zu tun ist eine Schande. Dieser Meinung sind zwei "trockene" Alkoholabhängige. Charlotte und Charel, zwei Mitglieder der Anonymen Alkoholiker, haben gegenüber wort.lu aus dem alltäglichen Leben mit der Sucht erzählt.
Als Charlotte und Charel zum Gespräch eintreffen, ist mein erster Gedanke, dass man keinen Alkoholiker am Erscheinungsbild erkennen kann. Beide weisen ein gepflegtes Äußeres auf. In der Folge entwickelt sich nach erstem vorsichtigen Abtasten ein intensives Gespräch. Die Fragen, die ich im Vorfeld vorbereitet hatte, lege ich erst einmal zur Seite, da beide Betroffene sehr viel von sich aus eigenem Antrieb preisgeben.
Charlotte, eine Frau um die 60 Jahre, erklärt mir den Unterschied zwischen einem Alkoholiker und einem Nicht-Alkoholiker: „Ein normaler Mensch gibt sich zufrieden, nachdem er ein Glas Wein getrunken hat. Ein Alkoholiker will immer mehr.“ Charel, im gleichen Alter, fing mit 27 Jahren mit regelmäßigem Trinken an. Er war bis zu seiner Pensionierung ein Geschäftsmann, der sich berufsbedingt mit Architekten traf.
Es gab also genügend Gelegenheiten, edle Flaschen mit Champagner und Wein zu knacken. Charel will seine Trinksucht aber nicht damit entschuldigen. Charlotte bringt es auf den Punkt: „Alkoholismus ist eine Krankheit. Der Betroffene kann, sobald er einmal mit Alkohol in Kontakt gekommen ist, seinen Konsum nicht mehr steuern.“
Beide Gesprächspartner sind seit einigen Jahren trocken. Wie lange genau, wollen sie mir nicht verraten. „Dies ist auch nicht so wichtig“, erklärt Charlotte freundlich, aber bestimmt. Charlotte hat ihre Alkoholsucht mit einer Therapie überwunden, derweil Charel keine Therapie in Anspruch nahm und mit der Gruppe trocken wurde.
Im Laufe des Gespräches zeigt sich immer deutlicher, dass es falsch ist, alle Alkoholiker über einen Kamm zu scheren. Jeder Mensch vertritt andere Ansichten, hat ein anderes Schicksal durchlebt. Charlotte beispielsweise ist der festen Überzeugung, dass die Zeit als Alkoholikerin zu ihrem Leben gehört und eine wichtige Erfahrung war. Charel dagegen spricht von „verlorenen Jahren“. Er hätte seine Kinder in ihrer Entwicklung besser begleiten können.
In einem Punkt sind sich beide Betroffenen einig: „Wer nicht aufhört mit Trinken, der landet entweder im Gefängnis, in der Irrenanstalt oder unter der Erde.“ Aus den Schilderungen von Charel und Charlotte höre ich heraus, dass die Trinksucht ihren Alltag zur Hölle machte. Beide sind verheiratet und haben Kinder.
Charlotte begann mit 16 Jahren regelmäßig zu trinken und hörte erst 40 Jahre später auf. In ihrer schlimmsten Zeit trank sie jeden Morgen von sechs bis elf Uhr. Sie habe keinen Hunger mehr verspürt: „Ich habe immer nur eine Kartoffel auf meinem Teller zerstampft, um so zu tun, als hätte ich was gegessen.“ Als ihre Kinder nach der Schule nach Hause kamen, war sie nicht mehr ansprechbar und lag neben dem Sofa auf dem Boden. An manchen Tagen sei sie einfach in den Wald gelaufen und habe dort den Tag verbracht. Ihr Mann habe erst kürzlich einen Schuh von ihr gefunden, den sie im Wald verloren hatte.
Charlotte redet Klartext: „Das Zusammenleben mit einem Alkoholiker ist nicht zu ertragen!“ Der moralische Schaden, den ihre Trinksucht hinterlassen habe, sei sehr groß. Die Kinder hätten ihr regelmäßig geraten, weniger zu trinken. Charlotte hätte sich dies aber nicht zu Herzen nehmen können und geantwortet: „Ich trinke nicht viel!“
Bei Charel wirkte sich der Alkoholkonsum so aus, dass er müde wurde und sich schlafen legte. Da er als Geschäftsmann viel unterwegs war, kam es auch recht bald wie es kommen musste und er verlor seinen Führerschein.
Sowohl Charel und Charlotte rühren, seit sie trocken sind, kein Glas Alkohol mehr an. Pralinen, die Alkohol in geringen Mengen enthalten, sind ebenso tabu wie alkoholfreies Bier. Charel vergleicht seine Alkoholsucht mit einem Motor: „Wird ein Motor mit Sprit versorgt, dann läuft er bald wieder auf Hochtouren!“ „Einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker!“, so die klare Ansage des ehemaligen Geschäftsmannes.
In diesem Zusammenhang versteht man auch, dass Charlotte vor rund einem Monat einen Drang zum Alkoholkonsum verspürte, den sie aber unterdrücken konnte. Charel geht seit seiner Pensionierung vielen Hobbys nach. Er fährt beispielsweise mehrere Tausend Kilometer Rad im Jahr. „Beim Fahrradfahren verspüre ich keinen Saufdrang!“, erklärt er lächelnd.
Charel und Charlotte haben jedenfalls keine Lust mehr, in eine Gaststätte zu gehen. Sie unterstreichen aber, dass sie nicht nur in Gaststätten mit Alkohol konfrontiert werden: „Der Alkolhol ist omnipräsent in unserer Gesellschaft.“ Gelegenheit zu trinken, gebe es genug. Charel, der lange Zeit Fußball spielte, gibt ein treffendes Beispiel: „Nach einem verlorenen Spiel wird aus Frust, nach einem Sieg aus Freude getrunken.“ Charel beschreibt die Lebenseinstellung verschiedener Leute wie folgt: „Wir amüsieren uns, fahren betrunken Auto und stehen kurz darauf vor Gericht!“
Alkohol zerstört den ganzen Körper. Da er im Blut transportiert wird, greift er alle Organe an. Für Charel war dies der Grund, mit dem Trinken aufzuhören: „Ich wollte nicht sterben.“ Mit einer Leberzirrhose schläft keiner friedlich ein: „Da kotzt man die Leber zum Mund raus!“ Alkoholismus sei eine Krankheit, die als Endfolge den Tod habe.
Es sei keine Schande Alkoholiker zu sein, sondern eine Schande, nichts dagegen zu tun. Das Fazit des zweistündigen Gesprächs ist gleichzeitig die Botschaft, die Charel und Charlotte an alle Alkoholsüchtigen weitergeben wollen.