Kriminalkammer Luxemburg
11.11.2008 20:20 Uhr, aktualisiert 12.11.2008 06:07 Uhr

Ein Kopfschuss und eine fehlende Kugel

Zweiter Tag im Prozess um den Mord an Antonio C.

Michel Thiel


Foto: Olivier Jaminon
Die Gerichtsgutachten wiedersprechen zum Teil den Aussagen der Mitangeklagten Yvonne M.

(mth) – Am Dienstagnachmittag kamen am zweiten Verhandlungstag im Mordprozess gegen Corinne D. und Yvonne M. zwei Gerichtsmediziner und ein Ballistikexperte zu Wort.

Corinne D. soll laut Anklageschrift am 27. Juni 2006 ihren Lebensgefährten Antonio C. in dessen Wohnung bei Mersch durch einen Kopfschuss getötet haben. Ihre Freundin Yvonne M. soll entweder bei der Tat anwesend gewesen sein, oder zumindest bei der Beseitigung der Leiche geholfen haben.

Ein dritter Angeklagter, der bisher noch nicht vor Gericht erschien, soll die Tatwaffe besorgt haben. Corinne D. legte nach ihrer Verhaftung ein Geständnis ab, nachdem sie ihren Freund unabsichtlich getötet habe, nachdem der “Schuss losgegangen sei”. Das Opfer habe sie zuvor vergewaltigt und brutal behandelt. Zu Beginn der Verhandlung sagte sie vor Gericht, sie habe ihren Freund getötet und stehe zu dem, was sie getan habe. Sie sei bei der Tat jedoch nicht allein gewesen – sie beschuldigt also ihre Freundin Yvonne M. direkt der Beihilfe zum Mord.

Yvonne M. dagegen gab lediglich zu, ihrer Freundin nach der Tat geholfen zu haben, die Leiche zu beseitigen. Der teilweise verkohlte Körper von Antonio C. wurde erst vier Tage nach der Tat am 1. Juli im Kofferraum eines ausgebrannten Nissan Micra gefunden, der in einem Waldstück in der französischen Grenzregion nahe Rodange aufgefunden wurde.

Ein tödlicher Schuss in den Hinterkopf

Der zum Teil verbrannte und im fortgeschrittenen Verwesungsstadium befindliche Leichnam von Antonio C. wurde zweimal einer Autopsie unterzogen. Beide Gerichtsmediziner stellten eine von einem Geschoss herrührende Eintrittswunde am oberen rechten Hinterkopf des Opfers fest. Eine kleinere Austrittswunde wird erst danach an der gegenüberliegenden Stirnseite oberhalb des linken Auges entdeckt – ein Geschoss wird anfangs nicht gefunden.

Beide Experten sind sich einig, dass der Schuss in den Hinterkopf des Opfers dieses sofort zusammenbrechen ließ und der Tod wahrscheinlich nach wenigen Minuten eingetreten sein muss. Lebenswichtige Zentren des Gehirns seien aufgrund der recht hohen Geschossenergie zerstört worden, so dass das Opfer keine Überlebenschance hatte.

Rätselhafter ist eine stichwundenähnliche Verletzung zwischen den Rippen an der rechten Flanke des Opfers. Hier gehen die Meinungen der Experten auseinander. Während der französische Mediziner von einem möglichen Messerstich ausgeht, gab der zweite Mediziner aus Deutschland an, keine sichere Aussage über die Ursache der Verletzung machen zu können – der Leichnam war allerdings zu diesem Zeitpunkt in einem so schlechten Zustand, dass präzise Untersuchungen schwierig waren. So waren beispielsweise die Lungen des Opfers bei der ersten Autopsie entfernt worden.

Der erste Gerichtsmediziner sagte jedoch aus, die rechte Lunge sei bei der ersten Autopsie zusammengefallen gewesen. Ein möglicher Hinweis auf einen so genannten “Pneumothorax” - also dem Zusammensacken der Lunge, wenn Luft durch eine Stichwunde in den Brustkorb eintritt. Demnach sei es möglich, dass das Opfer eine Stichverletzung in den Oberkörper erhalten habe, als es noch am Leben war, oder zumindest noch im Sterben lag.

Eine Kugel, zwei Schüsse

Erst nach der zweiten Autopsie untersuchen die Kriminalbeamten das Autowrack erneut und finden ein leicht verformtes Geschoss im Kofferraum – dank des Hinweises des zweiten Gerichtsmediziners. Demnach war die Kugel beim Austritt so stark abgebremst worden, dass sie unter der Haut steckenblieb und erst beim Verbrennen der Leiche im Kofferraum landete.

In der Wohnung des Opfers finden die Beamten eine abgefeuerte Geschosshülse des entsprechenden Kalibers .380 ACP, einer weniger durchschlagkräftigeren Variante der verbreiteten Munitionssorte neun Millimeter Parabellum. Eine Munitionsart, die laut dem Ballistikexperten zu der Verletzung passt, da das Geschoss nach dem Durchschlagen beider Seiten des Schädels beim Austritt steckenblieb.

Erst später finden die Beamten eine Stelle im Treppenhaus der Wohnung, die ebenfalls Spuren eines Geschosses aufweist. Dann entdecken sie eine zweite Geschosshülse, die in einem Spalt an der Treppe verloren ging. Die zweite Kugel wird nicht gefunden.

Später werden Teile der Tatwaffe wiedergefunden, welche in einen See geworfen wurden. Laut dem Ballistikexperten passen Munition und Waffenteile zusammen. Die halbautomatische Pistole habe die Besonderheit gehabt, dass sie über eine Abzugssicherung an der Rückseite des Pistolengriffes verfügte. Dies mache ein unabsichtliches Abfeuern der Waffe unwahrscheinlich, so der Experte, da man beim Betätigen des Abzugs die Waffe fest in der Hand halten müsse – eine Expertise, die also der Darstellung von Corinne D. widerspricht.

Die medizinischen Gutachten lassen weitere Rückschlüsse auf den Tathergang und insbesondere auf die Glaubwürdigkeit der Aussage von Yvonne M. zu. Diese sagte aus, von ihrer Freundin nach der Tat telefonisch zu Hilfe gerufen worden zu sein. Sie sei sechs bis sieben Minuten später in der Wohnung von Antonio C. eingetroffen. Bei ihrer Ankunft habe das Opfer noch gelebt und seine Arme bewegt. Eine Aussage, welche die Gerichtsmediziner für unglaubwürdig halten. Unwillkürliche Muskelzuckungen des Opfers seien aufgrund der Schwere seiner Verletzung zu diesem späten Zeitpunkt unwahrscheinlich.

Rätsel wirft ebenfalls die zweite Kugel auf, von der nur die Hülse und mögliche Einschlagspuren an der Treppe und einer Wand gefunden wurde. Die Höhe der Schusspuren legten die Schlussfolgerung nahe, dass die Kugel auf ein stehendes Ziel abgefeuert worden sei, so die Experten. Eine mögliche Erklärung sei, dass die Schützin nach dem ersten tödlichen und gezielten Schuss quasi unter Schock ein zweites Mal abgedrückt habe. Corinne D. erinnert sich nach eigener Aussage jedoch nicht daran, eine zweiten Schuss abgegeben zu haben.

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