Lëtzebuerg
30.09.2008 17:32 Uhr

Krankheiten der Extreme: Essstörungen

Nadège Leonhard, Psychologin bei einer Erziehungs- und Familienberatung im Gespräch über Essstörungen

Von Hülya Atasoy

Essstörungen sind ernste Erkrankungen, die in der heutigen Zeit immer häufiger auftreten und vor allem unter Kinder und Jugendlichen verbreitet sind. Doch welche Formen gibt es überhaupt, was sind die Auslöser und wie kann man einem Betroffenem helfen? Auf der Suche nach Antworten sprach wort.lu mit Nadège Leonhard, Psychologin bei der Erzéiongs- a Familljeberodung des afp-Services a.s.b.l..



Foto: GMS
Essstörungen sind heutzutage weit verbreitet. Die Formen sind jedoch genau so unterschiedlich wie die Auslöser.

Frau Leonhard, Sie sind als Psychologin in der Familien- und Erziehungsberatung tätig. Wie häufig haben Sie es dort mit Essstörungen zu tun?

Nadège Leonhard: Vorrangig widmen wir uns Hilfesuchenden in Familien- und Erziehungsangelegenheiten. Um Essstörungen drehte es sich im vergangenen Jahr in rund 15 Prozent aller Beratungen - Tendenz steigend. Auffällig ist hierbei, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen immer jünger werden.

Welche Formen von Essstörungen gibt es überhaupt?

Leonhard: Es gibt vier verschiedene Formen: Die Bulimie, die auch oftmals als Ess-Brechsucht bezeichnet wird, die Magersucht (Anorexia nervosa), das "Binge Eating" (häufige Heißhungerattacken, Anm. d. Red.), das oft mit Übergewicht oder Adipositas (Fettsucht, Anm. d. Red.) verbunden ist und die latente Esssucht. Bei all diesen Formen ist allerdings anzumerken, dass die Altersstruktur der Betroffenen sehr unterschiedlich ist. Kinder leiden eher an Übergewicht, während Jugendliche ab zwölf Jahren eher an Magersucht und ab 15 wiederum eher an Bulimie erkranken.

Was sind die Ursachen für eine Essstörung?

Leonhard: Einen klaren Auslöser gibt es nicht. Stattdessen gibt es viele verschiedene Gründe dafür und oftmals prallen mehrere aufeinander. Das können zum Beispiel Schulprobleme sein, ein Streit mit den Eltern oder auch einfach der Ehrgeiz einer Freundin, die erfolgreich abgenommen hat, nachzueifern. Oftmals ist es so, dass sich eine Essstörung wie die Magersucht in einem schleichenden Prozess entwickelt und zu einem Selbstläufer wird, wohingegen die Bulimie bewusster abläuft.

Woran erkennt man, ob ein Mensch unter-, normal- oder übergwichtig ist. Kann man sich hierfür nach dem sogenannten BMI (Body-Mass-Index) richten?

Leonhard: Ja, der BMI gibt einen guten Richtwert vor. Er berechnet sich aus dem Körpergewicht, geteilt durch die Größe im Quadrat. Für Kinder gibt es spezielle BMI-Tabellen, die jedem Kinderarzt vorliegen.

Wie beurteilen Sie den Einfluss des Schönheitsideals, wie es in Medien und Werbung transportiert wird, auf das Essverhalten von Kindern und Jugendlichen?

Leonhard: Ich denke schon, dass das eine Rolle spielt - jedenfalls mehr als noch vor 20 Jahren. Heutzutage sind Kinder und Jugendliche einem enormen Input ausgesetzt, dem man sich kaum entziehen kann und wodurch ein großer Druck entsteht. Man kann sich den Medien mitsamt ihren Inhalten nur sehr schwer entziehen. Hier könnten Eltern jedoch ansetzen, um Aufklärung und Prävention zu betreiben. Es wissen zum Beispiel nur wenige Kinder und Jugendliche, dass selbst Fotos von Models nachbearbeitet beziehungsweise retuschiert werden. Man muss ihnen klar machen, dass man sich nicht mit etwas messen darf, das nicht "echt" ist.

Wie soll das gehen?

Leonhard: Nun, im Vorfeld sollte man zum Beispiel auf die Vielfältigkeit der Menschen verweisen - wir werden schließlich nicht aus Förmchen gepresst. Es sollte aufgezeigt werden, dass es beispielsweise die Menschen interessant macht, wenn sie unterschiedlich sind und aussehen. Darüber hinaus muss man aber auch schauen, wie es den Kindern vorgelebt wird und ob eine Vorbildfunktion gegeben ist. Es ist wichtig, ihnen ein Selbstwertgefühl zu vermitteln, das begleitet wird von Toleranz und Offenheit.

Der Sommer steht vor der Tür und damit auch die Zeit, in der viele Menschen gerne zu kurzer und figurbetonter Kleidung greifen. Haben Sie in ihrer Beratertätigkeit bisher die Erfahrung gemacht, dass mehr Teenager im Sommer als im Winter an Magersucht oder Bulimie erkranken?

Leonhard: Ja,ich hatte öfters zur Herbst- und Winterzeit Kontakt mit Mädchen, die im Sommer eine Diät angefangen haben und bei denen sich diese später zu einer Krankheit entwickelt hat.

Was raten Sie Eltern, die bei Ihren Kindern eine Essstörung bemerken?

Leonhard: Die Heilungschancen sind gut, sofern die Krankheit früh erkannt wird und die Therapie wird tendenziell eher schwerer, je länger jemand davon betroffen ist. Bei einem Verdacht, dass das eigene Kind an einer Essstörung leidet, ist es durchaus in Ordnung, mit ihm ein Gespräch zu suchen. Darüber hinaus kann man den Hausarzt oder eine Beratungsstelle aufsuchen und um Rat fragen. Es gibt aber durchaus auch Personen, die es von allein aus einer Essstörung schaffen.

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