(dpa) - Die Symptome der Porzellankrankheit sind nicht exakt bekannt. Der sächsische Kurfürst und polnische König August der Starke (1670-1733) diagnostizierte die „Maladie de Porcelaine“ bei sich selbst. Heute würde man den Virus eher mit Sucht oder Sammelleidenschaft umschreiben. Sie führte dazu, dass der Herrscher am Ende 35 000 Porzellane besaß und ein eigenes „Porzellanschloss“ konzipierte.
Am 23. Januar 1710 nahm das besondere „Leiden“ Augusts öffentliche Ausmaße an. Die sächsische Hofkanzlei verkündete in einem „allerhöchsten Dekret“ die Erfindung des europäischen Hartporzellans und die Gründung einer Manufaktur für das „Weiße Gold“.
Das Schreiben war nicht umsonst in lateinischer, französischer, deutscher und holländischer Sprache verfasst. Denn die Schwäche des „starken August“ für das edle Material hatte von Beginn an handfeste ökonomische Gründe. „Bis dahin musste Porzellan aus Asien importiert werden – zu horrenden Preisen“, erzählt der Geschäftsführer der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen, Christian Kurtzke.
Sachsen wollte von den Importen unabhängig sein und sich zugleich mit anderen Höfen vergleichen. 1711 wurde Meissner Porzellan erstmals verschenkt – an den Dänen-König Frederick IV. Mit Staatspräsenten wollten die Sachsen ausländische Herrscher porzellansüchtig machen und Aufträge bekommen.
300 Jahre später ist das edle Porzellan mit dem Markenzeichen der Gekreuzten Schwerter weltweit bekannt. Als klassisches Erbstück überdauerte es Generationen. In der DDR galt es als zweite Währung, Künstler aus dem Westen wurden oft in „Meissner“ entlohnt. Sachsen verwöhnt Staatsgäste noch heute damit, 2009 erhielt US-Präsident Barack Obama Porzellan-Manschettenknöpfe. Im selben Jahr feierte mit dem Zwiebelmuster das bekannteste Dekor seinen 270. Geburtstag. Es stellt in Wahrheit keine Zwiebeln dar, sondern Granatäpfel und Pfirsiche als Symbole der Fruchtbarkeit und Langlebigkeit. Inzwischen gibt es eine moderne Version „Zwiebelmuster-Style“.
Ohnehin wirkt das Unternehmen heute alles andere als verstaubt. Kurtzke, der Ende 2008 als Sanierer nach Meißen kam, hat für neuen Schwung gesorgt. Rückläufige Umsätze und ein Verlust von sechs Millionen Euro hatten im Jahr seines Amtsantrittes Kratzer am Image der Manufaktur hinterlassen. Die Stagnation ist nicht zuletzt eine Folge veränderter Lebensgewohnheiten. Sachsens Ex-Regierungschef Kurt Biedenkopf – seit 1991 Aufsichtsratsvorsitzender der Manufaktur – nennt als Beispiel immer mehr Single-Haushalte. „Die kaufen kein 6- oder 12-teiliges Service mehr.“ Mit Meissen verbindet ihn nun die Neugier, wie eine Manufaktur in modernen Zeiten besteht.
Kurz vor dem Jubiläum wurde noch am neuen Internet-Auftritt gearbeitet. Eines ist aber klar: Meissen will sich fortan als moderne Unternehmung präsentieren und auch die internationale Designer-Szene porzellansüchtig machen.
Statt Geschirr gelten nun Architektur und Inneneinrichtung als tragende Säule. Kurtzke nennt das „Fine Living & Home Art“ – Wandbilder, Fliesen, Figuren und anderes. Erst danach folgen Tisch und Tafel („Fine Dining“) sowie Schmuck und Accessoires („Fine Jewellery & Accessories“). „Wir schmücken Räume, Tische und besondere Menschen“, meint Kurtzke und verspricht ein „Feuerwerk von Innovationen“.
Dabei weiß er sich mit Vorgängern verschiedener Epochen im Bunde. „Man ging hier stets an die Grenzen. Das ist ein Teil des genetischen Codes von Meissen über die Jahrhunderte hinweg“, sagt der 40 Jahre alte Chef: „Die gesamte Geschichte von Meissen ist eine Geschichte von Pionieren, nicht von Siedlern.“ Das Jubiläum soll nun als Rück- und Ausblick dienen. „Wir wollen zwar über die Vergangenheit sprechen, aber eigentlich die Zukunft zelebrieren“. Vor der ist Aufsichtsratschef Biedenkopf (79) nicht bange. Er geht davon aus, dass es Meissen auch in 100 Jahren noch gibt – so wie Semperoper und Staatskapelle Dresden: „Das sind Exponate sächsischer Kultur.“