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 Leitartikel
09.03.2010 09:21 Uhr

Europa der Gleichen

Ady Richard
Ady Richard

Gespräch mit Jean-Claude Juncker“ heißt es lapidar im „Kanzlerkalender“ von Angela Merkel. Kohls ehemaliges „Mädchen“ kommt heute nach Luxemburg zum klärenden Gespräch mit Kohls „Junior“.

Und in der Tat sind klärende Gespräche zwischen Deutschland und Luxemburg, aber auch zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Premier Jean-Claude Juncker mehr als angebracht. Denn die Beziehungen mit Luxemburgs bevölkerungsreichstem Nachbarn sind nach unterschiedlichen EU-Visionen, nach den misslungenen jüngsten EU-Personalentscheidungen und auch nach fundamentalen Differenzen in Sachen Bankgeheimnis mehr als angespannt.

Dabei war und ist Juncker immer ein großer und loyaler Freund Deutschlands gewesen. Weit über seine enge, väterliche Freundschaft mit Altbundeskanzler Helmut Kohl hinaus stand er in Brüssel, Dublin und anderswo oft an Bonns und Berlins Seite. Selbst wenn dies nicht immer populär im eigenen Land war. Doch das politische Berlin unter Merkel scheint dies vergessen zu haben. Vielleicht ist es deshalb gut, der in Luxemburg trotzdem immer willkommenen Kanzlerin einen Satz ihres früheren Mentors in Erinnerung zu rufen: „Die kleinen Länder in der Europäischen Union verdienen genauso viel Achtung wie die Großen.

Die Bedeutung eines Mitgliedstaates lässt sich nicht an seiner Einwohnerzahl oder an Quadratkilometern messen.“ So Kohl 2006 in seiner Karlspreis-Laudatio für Jean-Claude Juncker. Doch für den warmherzigen Kanzler der Einheit und Luxemburgfreund war dies nicht nur eine Sonntagsfloskel. Nein, beim großen Europäer aus der Pfalz bestimmte diese Erkenntnis auch die politische Praxis im Alltag. Für Kohl und auch für Mitterrand – im Gegensatz zu Sarkozy auch ein Staatsmann – galt dabei immer die Churchill-Vision, dass kleine Nationen so viel wie große gelten müssen.

Die Qualität der Werte und der Person standen dabei immer über der geopolitischen und wirtschaftlichen Quantität. Politik, vor allem Europapolitik, ist nämlich keine Physik: Sie erfordert Herz und Verstand, Charakter und Kompetenz, Werte und Visionen, Loyalität und Menschlichkeit. All dies machte die wirklich großen europäischen Staatsmänner vom Schlage eines Churchills, Adenauers und Schumans, De Gasperis, Bechs und Spaaks, Werners, Kohls und ja, auch eines Jean-Claude Junckers in der „postnationalen Konstellation“ (Habermas) der Union aus.

Doch bei Merkel, Sarkozy und auch bei anderen vermeintlich Großen ist eher eine Mischung aus einer neonationalen Renaissance des Metternichschen Systems des Denkens in Machtgleichgewichten der heute nur noch in ihrer tiefenpsychologischen Vorstellung existierenden Großmächte sowie des Orwellschen „Farm der Tiere“-Prinzips („Manche sind gleicher“) feststellbar. Beides ist zutiefst antieuropäisch und der düsteren Vergangenheit statt der leuchtenden supranationalen Zukunft Europas zugewandt! Doch lassen wir die Vergangenheit Vergangenheit sein: Denn die Luxemburger und auch Juncker sind nicht nachtragend.

Nach einer klärenden Aussprache müssen heute die angespannten deutsch-luxemburgischen Beziehungen im Interesse Luxemburgs und Berlins, aber auch im Interesse des Alten Kontinents wieder entspannt und neu lanciert werden. Mit Verstand, vor allem aber mit Herz und Respekt! Oder um es erneut mit Kohl zu sagen: „Der Respekt vor dem anderen, dem Nachbarn, ist auch in Zukunft von entscheidender Bedeutung.“

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