Kommentar
15.07.2009 06:51 Uhr

Geremeks Erbe

Jakub Adamowicz

Ein Jahr und einen Tag nach dem Tod des polnischen Historikers Bronislaw Geremek ist mit Jerzy Buzek einer seiner engen Wegbegleiter zum Präsidenten des Europaparlaments gewählt worden. Das Erbe Geremeks half Buzek im Vorfeld der Abstimmung entscheidend: Bei der Wahl des Parlamentspräsidenten 2004 war Geremek als Vertreter des damaligen EU-Neulings Polen und der Liberalen dem gesetzten Sozialisten Josep Borrell mit 208 zu 388 Stimmen denkbar würdig unterlegen. Spätestens seit den Zeiten von Simone Veil gilt: Die oder der Vorsitzende des Europaparlaments – der einzigen multinationalen gesetzgebenden Volksvertretung der Welt – sollte mehr sein als nur Technokrat: Sie oder er sollten auf prägnante Weise die Werte der Europäischen Union verkörpern.

Buzek hat sich als Solidarnosc-Aktivist für die friedliche Überwindung des kommunistischen Totalitarismus und für Freiheit und Menschenrechte eingesetzt. Gleichzeitig hat er in den vergangenen fünf Jahren als Europaabgeordneter seinen politischen Instinkt und seinen Kompromisswillen unter Beweis gestellt. Trotzdem kann Buzek nicht aus dem Schatten Geremeks treten: Zu sehr symbolisiert der am 13. Juli 2008 bei einem Autounfall verstorbene frankophile jüdische Pole, der die Grauen des Zweiten Weltkrieges überlebte, später den roten Terror der Stalin-Zeit erfuhr, um schließlich erfolgreich an der Überwindung des Eisernen Vorhangs mitzuarbeiten, das beste an der europäischen Idee. Buzek als besonnener Pragmatiker ist gerade deshalb eine gelungene Wahl.