Wer selbst Kinder hat, für den ist der Anblick der toten und verletzten Kinder aus Gaza noch unerträglicher. Wer ehrlich ergriffen ist über Tod und Leiden der Kinder, Frauen und aller anderen Kriegs- und Zivilopfer, braucht nicht die grausamsten Photos und Filmaufnahmen, um den Skandalon zu erkennen; der kann auf die voyeuristischen Reportagen, mit denen sich leider auch und in zunehmendem Maße publizistisch Geld verdienen lässt, verzichten.
Doch die kommerzielle Spekulation, zu der sich politische Voreingenommenheit gesellt, sei dieser Medienspezies belassen. Viel mehr beschäftigt die um die Kriegsopfer besorgten Menschen die Frage, warum die Frauen und Kinder und auch die unschuldigen Männer im Darfur vergleichsweise nur wenige Mitfühlende und Fürsprecher in den internationalen Medien finden.
In dieser östlichsten Provinz des Sudans ist das Kämpfen und Töten nicht weniger grausam als im Gazastreifen mit der zurzeit erschreckend hohen Zahl an über 1.100 Todesopfern. Die Bevölkerung von Darfur hat bis jetzt den unglaublichen Tribut von mehr als 300.000 Toten, 2,7 Millionen Deportierten und über 230.000 Flüchtlingen gezahlt. Wer weiß das schon? Wer verschweigt das? Und warum?
„Warum schweigt die arabische Welt zu Darfur und schlägt zugleich Krach wegen Gaza?“ fragte in ihrer Ausgabe vom 14. Januar die niederländische Zeitung „de Volkskrant“. Die Frage könnte man auch an den größten Teil der nichtarabischen Welt stellen, vor allem an viele unserer journalistischen Kollegen im In- und Ausland. Und „de Volkskrant“ bohrt weiter: „Könnte es damit zu tun haben, dass in Gaza Israel der Angreifer ist, während in Darfur Muslime von anderen Muslimen umgebracht werden?“
Könnte es auch damit zu tun haben, dass das sich seit Jahren gegen die Hamas-Raketenangriffe wehrende Israel besonders eng mit den USA verbündet ist, die ihrerseits nicht erst seit Bush in der öffentlichen westlichen Meinung große Defizite aufweisen? Spielt hier nicht wieder das alte, jedes intelligenten Menschen unwürdige schwarz-weiße Denkschema eine Rolle?
Wenn ja, und vieles deutet darauf hin, sind die Schuldigen am Gaza-Krieg nicht nur bei den Israelis und den Palästinensern zu suchen, sondern auch bei allen, die mit offensichtlichen Vorurteilen die Lage indirekt verschärfen. Urteile aus der Ferne von den Schreibtischen aus oder in gesteuerten Demos zu fällen ist ja so einfach!
Im 20. Jahrhundert kamen schätzungsweise 185 Millionen Menschen durch Kriege um, von den Verletzten und den kriegstraumatisierten Kindern mit Spätfolgen nicht zu reden.
Und es sind nicht nur Kriege, von denen die Blicke sich je nach politischem oder ideologischem Hintergrund schnell abwenden. Die Welt und besonders die Medien werden durch ihr mangelndes Interesse mitverantwortlich am Elend der Millionen Kinder, Frauen und Männer, die durch Genozid, Hunger, Krankheit, Unrechtsregimes und Katastrophen leiden und sterben.
Die Welt, die Menschheit ist vernetzt wie nie zuvor. So sind weltweit alle in die Verantwortung für Recht und Unrecht eingebunden. Die israelischen Opfer betreffen uns nicht weniger als die palästinensischen oder die im Darfur, in Tschetschenien, in Simbabwe oder die in der Sahelzone, in den Slums von Calcutta oder Rio, in den Gefängnissen von China oder Iran. Das sollten sich nicht zuletzt die Medienschaffenden vergegenwärtigen.