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Debatte
13.03.2010 08:16 Uhr

Geld allein macht noch lange nicht glücklich

Heiner Geißler spricht vom „Ende der sozialen Marktwirtschaft“ als Voraussetzung dafür, mög lichst viele Menschen glücklich zu machen

Von Andreas Holpert


Foto: Guy Jallay
Die Diskussionsrunde zum Thema „Glück und Geld“: Andreas Neugebauer, Vorsitzender der Geschäftsleitung der DZI, Bundes minister a.D. Heiner Geißler, der Journa-list Alexander Graf von Schönburg-Glauchau, die Diplom-Psychologin Felicitas Heyne und Moderatorin Andrea Thilo (v.l.n.r.).

„Glück und Geld“ lautete das Thema einer Diskussionsrunde beim diesjährigen Managementforum der DZ Bank International, das die Bank traditionell im Anschluss an ihre Generalversammlung organisiert. Ob es sich bei dem Thema um einen Widerspruch handelt, oder Geld und Glück eine Einheit bilden, darüber unterhielten sich der ehemalige deutsche Minister und CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, der Journalist Alexander Graf von Schönburg-Glauchau und die Diplom-Psychologin Felicitas Heyne. Moderiert wurde die Runde von Andrea Thilo.

Eine allgemeine Glücksformel gibt es nicht. Darüber waren sich die Teilnehmer einig. Dass die Definition von Glück unterschiedlich ist, zeigt sich in dem Selbst-Zufriedenheits-Index der Vereinten Nationen. Dort steht Luxemburg auf einem vorderen 12. Platz und Deutschland weit hinten auf dem 35. Rang. Gefragt nach den Unterschieden zwischen Deutschland und Luxemburg, meinte Andreas Neugebauer, Vorsitzender der Geschäftsleitung der DZ International – seit zwei Jahren nennt er das Großherzogtum seine Heimat –, dass es hier ein höheres Wohlstandsniveau gebe, viele nationale Einflüsse zusammenkommen und großer sozialer Frieden herrsche.

Ideologie der Marktgläubigkeit ist gescheitert

Was bedeutet sozialer Frieden für das persönliche Glück? Heiner Geißler, der gerade seinen 80. Geburtstag begangen hat, sieht den sozialen Frieden in Deutschland in Gefahr. Dafür verantwortlich machte er den Kapitalismus, der sich von der nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten sozialen Marktwirtschaft weit entfernt habe. Geißler ging sogar soweit zu behaupten, dass es die soziale Marktwirtschaft nicht mehr gebe. Dieses System bezeichnete der ehemalige Spitzenpolitiker als „erfolgreichste Sozialphilosophie in der Wirtschaftsgeschichte“, weil es ethisches Bündnis geschaffen habe, dass für Ordnung sorgte. In dem geordneten Wettbewerb der sozialen Marktwirtschaft – statt Neoliberalismus – liege die Möglichkeit, den Menschen eine Grundlage für ihr Glück zu schaffen, weil das Ziel Wohlstand für alle heißt. Man könne vielleicht ohne Geld glücklich sein, aber eben nicht auf Dauer, da zum Leben etwas Geld gebraucht wird. „Wir haben in Deutschland seit den 80er-Jahren nicht mehr Wohlstand geschaffen, sondern weniger“, sagte Geißler. Wenn zehn Millionen Menschen unter der Armutsgrenze leben müssen, sei etwas nicht in Ordnung. Die Schuld für die Entwicklung gibt er den sozialpolitischen Beschlüssen der unter der rot-grünen Regierung entstandenen Agende 2010. „Hartz IV ist eine Fürsorgeleistung und eine staatliche Missachtung der Lebensleistung der Menschen, die nach 20 Jahren ihren Job verlieren“, betonte Geißler. „Die Menschen werden mit staatlicher Hilfe unglücklich gemacht“. Der Staat könne kein Glück verordnen, aber die Voraussetzungen schaffen, dass jeder glücklich werden könne.

Dafür sei ein Minimum an sozialer Sicherheit notwendig, so der Ex-Bundesminister weiter. Kritik äußerte Geißler aber auch am internationalen System. Von einem Ende der Krise könne keine Rede sein, solange weiter munter spekuliert werde. „Jetzt sogar gegen Staaten und unser Geld oder gegen Grundnahrungsmittel“. Die soziale Marktwirtschaft habe keine Ausgrenzung gekannt. „Die Welt ist in Unordnung geraten, wenn das Kapital nicht mehr länger dem Menschen dient, sondern wir den Kapitalinteressen dienen“, meinte der Politiker. Dadurch könnten viel weniger Menschen ihr Glück finden. Die Ideologie der Marktgläubigkeit sei gescheitert. „Die Vergötzung des Marktes hat zum Scheitern des Kapitalismus geführt“, so Geißler, der für eine internationale ökologisch-soziale Wirtschaftsordnung plädierte und die Reformbestrebungen auf Ebene der G-20-Staaten als wichtigstes politisches Vorhaben der nächsten Jahre bezeichnete.

Wohlstand ist eine Haltungsfrage

„Glück hängt mit Geld zusammen, aber es ist eine Frage wie man seine Bedürfnisse managet“, meinte Alexander Graf von Schönburg-Glauchau, Ressortleiter bei der Bild-Zeitung. Lebenslust bedeute, die glücklichen Dinge zu erkennen und sie dann zu genießen. Dazu gehöre auch, den bewussten Verzicht zu üben, so von Schönburg-Glauchau, der selbst versucht, einen Tag in der Woche kein Geld auszugeben. Mit Geißler stimmte der Journalist überein, dass Armut und Wohlstand nicht nur eine Frage des Geldes seien, sondern auch einen kulturellen Aspekt beinhalten. Es sei häufig nicht damit getan, die Sozialhilfe um einige Euros zu erhöhen, wenn Kinder kulturell verwahrlosen würden.

Glück ist zu 50 Prozent angeboren

Mit der psychologischen Dimension von Glück und Glücklichsein beschäftigte sich die Diplom-Psychologin Felicitas Heyne. Lange habe man sich in der Disziplin mehr mit der Frage beschäftigt, wie Unglück entsteht. Inzwischen habe sich mit „positiver Psychologie“ ein neuer Forschungszweig etabliert. Man sei wissenschaftlich zu der Erkenntnis gelangt, dass Glück genetisch vorbestimmt ist und mindesten zu 50 Prozent angeboren ist. „Das heißt auch, wir haben die anderen 50 Prozent selbst in der Hand“, meinte Heyne. Glück sei demnach kein Zufall.

Man könne sein Glücksniveau steuern, indem man z.B. positiv denkt, sich bewegt und seine Ziele nicht aus den Augen verliert. Trotz aller Anstrengungen könne man ein bestimmtes Niveau jedoch nicht überschreiten. „Jeder Mensch hat einen persönlichen Glücks-Set-Point, der mal unter- mal überschritten werden kann“, so die Diplom-Psychologin. Hier taucht auch das Thema Geld auf. Ein bestimmter Sockelbetrag sei wichtig für ein Glücksgefühl. Wer mehr habe, als er zum Leben braucht, erziele keine nennenswerte Zunahme seines Glücks. Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer, dass die Menschen in der Liebe ihr höchstes Glück erfahren. „Für die ganze Welt sind wir irgendjemand, aber für irgendjemand sind wir die ganze Welt“, sagte Heiner Geißler.

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