Die Zahl der Rückrufaktionen in der Automobilbranche ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Experten sprechen allein in Europa von einer Verdreifachung seit 1998. Noch nie hat ein Rückruf aber derart hohe Wellen geschlagen wie jener von Toyota, der nun schon seit über einem Monat die Schlagzeilen beherrscht. Die jüngste Rückrufaktion des japanischen Autobauers ist längst zum Politikum geworden – vor allem in den USA. Was sich derzeit jenseits des Atlantiks abspielt, spottet teilweise jeder Beschreibung und legt den Verdacht nah, dass es der US-Regierung und den Lobbyisten der US-Autohersteller weniger um die Wahrheitsfindung als vielmehr um die gezielte Demontage des Branchenprimus geht.
Vorläufiger Höhepunkt des Trauerspiels war vergangene Woche die live im US-Fernsehen übertragene Anhörung von Toyota-Konzernchef Akio Toyoda und Toyotas Nordamerika-Chef Yoshimi Inaba vor einem Untersuchungsausschuss des US-Kongresses. Dass der öffentlichkeitsscheue und als höflich-zurückhaltend geltende Akio Toyoda, ein Urenkel von Firmengründer Kiichiro Toyoda, von den Abgeordneten regelrecht vorgeführt wurde, verwundert nicht wirklich.
Es steht wohl außer Frage, dass es in den vergangenen Jahren beim Vorzeige-Unternehmen Toyota Versäumnisse bei der Qualitätssicherung gab – wie übrigens bei den meisten Wettbewerbern auch. Dies darf man mit Sicherheit nicht einfach so hinnehmen, denn schließlich haben Autokäufer ein Recht auf zuverlässige und sichere Autos. Im Fall von Toyota wurde in den USA aber bereits weit über das Ziel hinausgeschossen. Hier kann von einer Verhältnismäßigkeit der Mittel überhaupt keine Rede mehr sein. Wo waren die US-Abgeordneten, als Ford im Oktober 2009 wegen eines seit langem bekannten Tempomat-Defektes noch einmal rund 4,5 Millionen ältere Fahrzeuge zurückrufen musste – insgesamt sind von dem Problem seit 1999 etwa 16 Millionen Autos betroffen. Ganz zu schweigen vom Ford-Firestone-Skandal aus dem Jahr 2000. Ford musste damals 13 Millionen Reifen auswechseln – dies nachdem fehlerhafte Pneus am Geländewagen Explorer zu mindestens 90 tödlichen Unfällen geführt haben sollen.
In jenem Land, in dem man eine Fast-Food-Kette wegen eines heißen Kaffees auf mehrere Millionen Dollar Schmerzensgeld verklagen kann, können sich windige Anwälte, aber auch Autofahrer, die aus Unachtsamkeit oder aufgrund eines Fahrfehlers einen Unfall verschuldet haben, schon einmal die Hände reiben.
Schwerer als die kurzfristigen Kosten dürfte für Toyota jedoch der zu erwartende langfristige Imageschaden wiegen. Wie schnell und nachhaltig der Ruf eines Herstellers ruiniert sein kann, zeigt das Beispiel Audi. Die VW-Tochter geriet Mitte der 1980er-Jahre wegen jenes Problems in Verruf, das nun Toyota das Genick zu brechen droht. Damals soll es bei Unfällen mit dem Audi 5000, einer für die USA angepassten Version des Audi 100, wegen ungewollter Beschleunigung 175 Verletzte und vier Tote gegeben haben. Audi wurde zwar am Ende von jeglicher Schuld freigesprochen, in den USA leidet die Marke aber noch heute unter den Folgen der vermeintlichen Gaspedal-Affäre ...