Stahlindustrie
27.10.2008 08:14 Uhr

Auf den Höhenflug folgt der Absturz



Foto: Claude Piscitelli
Die Stahlindustrie wird vom Sturmtief an den Finanzmärkten schwer getroffen.

Mit Spannung warten Analysten auf den 5. November: Dann wird ArcelorMittal seine Ergebnisse für das dritte Quartal veröffentlichen. Der weltgrößte Stahlhersteller wird voraussichtlich 2008 ein weiteres Spitzenjahr verbuchen können. Es dürfte für absehbare Zeit das letzte sein, denn der Abschwung ist angesichts der weltweiten Konjunkturschwäche nicht mehr abzuwenden. Einzig offene Frage ist nur noch, wie tief die Talfahrt diesmal sein wird. Der gewaltige Absatzeinbruch, der die Automobilindustrie – den Hauptabnehmer hochwertigen Flachstahls – erfasst hat, lässt Ängste und Erinnerungen an die Krise der 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts aufkeimen.

Die Stimmung in der stark vom Konjunkturzyklus abhängigen Stahlindustrie hat sich in den letzten Wochen dramatisch verschlechtert. Die Kurse der Stahlhersteller befinden sich im Sinkflug. Die Aktie von ArcelorMittal hat seit Jahresbeginn 70 Prozent ihres Wertes verloren. Im Juni 2008 erreichte das Stahlpapier noch einen Höchststand von 66 Euro. Am Freitag ging ArcelorMittal mit 17,1 Euro an der „Bourse de Luxembourg“ aus dem Handel. Die Börsenkapitalisierung des Stahlriesen liegt somit bei knapp 24 Milliarden Euro, weniger, als Konzernchef Lakshmi Mittal am Ende der Übernahmeschlacht vor über zwei Jahren für den Konkurrenten Arcelor bot. Viele Luxemburger Kleinanleger, die ihre Arcelor-Papiere damals gegen ArcelorMittal eintauschen, dürften sich jetzt Sorgen um den schwindenden Wert ihrer Anlage machen.

Minus von 15 Prozent

Der Stahlriese reagiert mit Produktionsdrosselungen in Spanien, Belgien, Frankreich und Luxemburg auf den erwarteten Rückgang der Nachfrage, die, laut Konzernangaben, ein Minus von 15 Prozent erreichen könnte. Mit allen Mitteln will der Weltmarktführer hohe Lagerbestände vermeiden, um so seine Preismargen halten zu können. Vergangene Woche berichtete die „Financial Times“, ArcelorMittal würde alle „Wachstumsprojekte“ bis zum Jahr 2015 auf den Prüfstand stellen. Hinter einem geplanten Investitionsvolumen von 35 Milliarden Dollar stehen jetzt Fragezeichen.

Noch vor kurzem wurden Rekordpreise von über 1000 Dollar für eine Tonne Stahl bezahlt, viermal mehr als 2002, dem Jahr, wo mit der Schaffung von Arcelor die Konsolidierung in der Branche einen entscheidenden Impuls erhielt. Der Stahlhunger in Schwellenländern wie China und Indien führte zu einem fast sechsjährigen Boom, der sich jetzt dem Ende zuneigt. Die stimulierende Kombination aus starker Nachfrage und schwachem Dollar hat seit einigen Wochen ins Gegenteil gedreht. Die Nachfrage fällt, während der Dollar steigt.

Die große Frage ist, wie sich der Stahlkonsum in China verhält. Lange Jahre galt die Dynamik der Schwellenländer in Asien, Lateinamerika und Osteuropa als „Stoßdämpfer“, den international aufgestellte Konzerne nutzten, um Einbrüche in anderen Regionen abzufedern. Der Anfang Oktober veröffentlichte pessimistische Ausblick des Internationalen Währungsfonds ließ jedoch die Hoffnung sterben, dass sich die Schwellenländer von der drohenden Rezession in den Industriestaaten abkoppeln könnten.

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