Physiker Metin Tolan

Physik an Bord des Raumschiffs Enterprise

Teleporter, Super-Antrieb, Phaser, 
3-D-Hologramm 
oder Sprachübersetzer: Captain Kirk 
und Mr. Spock besaßen gar wunderbare Erfindungen.
Foto: Shutterstock

von Birgit Pfaus-Ravida

Star-Trek-Fans kennen sie: die vielen Zahlen und Berechnungen, welche die Kultserie von Anfang an begleiten und ihr einen wissenschaftlichen Touch geben. Doch bestehen diese Fakten vor Fachleuten? Physiker Metin Tolan sagt: Ja!

Was haben die Bahn und das Raumschiff Enterprise gemeinsam? Außer der Tatsache, dass beide Fortbewegungsmittel sind, nicht viel. Mit Warp-Antrieb hätte der Zug von Dortmund nämlich den Anschluss nach Trier mehr als pünktlich erreicht. Doch so kam Physikprofessor Metin Tolan eben zwanzig Minuten später in Trier an, wo er vor Kurzem seinen Vortrag „Die Star Trek Physik“ an der mathematischen Fakultät der Universität hielt.

Der Dozent und Buchautor nahm die Verspätung mit Humor. „Die App der Bahn hat mir die Verspätung ja angezeigt, und es gab einen passenden Regionalexpress, der kurz nach dem geplanten Zug fuhr.“ Also alles eine Frage der Berechnungen. So wie in der Kultserie Star Trek. „Zahlen und Fakten in der Serie sind nie einfach so dahingesagt“, erklärt Metin Tolan. In seinen unterhaltsamen Büchern und Vorträgen wirft er denn auch mit erstaunlichen Daten nur so um sich.

Beispiel: die berühmte Szene, als in der 15. Folge der zweiten Staffel der „The Original Series“ mit dem Titel „Kennen Sie Tribbles?“ im Raumschiff Tausende pelziger kleiner Tierchen, Tribbles genannt, aus einer Ladeluke fallen, als Captain Kirk sie öffnet. Wie konnten sich die putzigen Tiere in den Quadrotriticale-Getreidevorräten so rasant vermehren? Mr. Spock rechnet ganz emotionslos in Windeseile aus, dass es 1 771 551 (eine Million siebenhunderteinundsiebzigtausend fünfhunderteinundfünfzig) Tribbles sein müssen: „Diese Zahl beruht auf der Annahme, dass ein Tribble im Allgemeinen täglich zehn Junge wirft – und das über einen Zeitraum von drei Tagen.“

Metin Tolan erläutert: „Schon lange haben sich Menschen mit der Vermehrung von Tieren auseinandergesetzt. Dafür gibt es die sogenannte Fibonacci-Zahl. Spocks Ergebnis korreliert aber nicht ganz mit den Berechnungen, die sich durch diese Zahl ergeben. Ich habe dann herausgefunden, warum: Es war schlicht ein Übersetzungsfehler! Im englischsprachigen Original ist eine Ziffer verändert: Es sind ,One million sevenhundredseventyonethousand fivehundred sixty-one‘. Den deutschen Übersetzern war damals wohl einfach nicht klar, wie exakt berechenbar solche Zahlen sind und dass sie in der Serie niemals einfach so dahergesagt werden.“

Eine faszinierende Spielwiese

Die Serie Star Trek gibt es seit 50 Jahren – bisher wurden über 700 Folgen ausgestrahlt und 13 Filme produziert. Eine weitere Serie ist in Planung. Eine faszinierende Spielwiese für Star-Trek-begeisterte Wissenschaftler wie den 51-jährigen Metin Tolan. Er kennt alle Folgen.

„Star Trek hat mich in jeder Lebensphase begleitet. In den 1970er-Jahren kam die Serie abends um 18 Uhr. Damals habe ich alles mit Lego nachgebaut. Ende der 80er begleitete Captain Picard mein Studium, Deep Space Nine war in meiner Post-Doc-Zeit, meine Habilitation habe ich zu Zeiten von Captain Janeway geschrieben, die Prequel-Serie begleitete mich nach Dortmund“, erzählt Tolan und ist überzeugt: „Keine andere Serie kann man so gut und konsequent mit Physik in Verbindung bringen wie Star Trek!“

Metin Tolan, 1965 geboren, ist Professor für Experimentelle Physik und Prorektor für das Studium an der Technischen Universität Dortmund. Seit Jahren macht er sich einen Namen als Deutschlands originellster Physik-Erklärer.

Lichtschnell dank Warp

Star Trek und alle anderen damit zusammenhängenden naturwissenschaftlichen Themen faszinieren die Menschen, die Metin Tolans Bücher kaufen oder zu seinen Vorträgen gehen. Und natürlich hat dieser auch für zwei ganz große Star-Trek-Phänomene Erklärungen. Warum braucht die Enterprise eigentlich den Warp-Antrieb? Nun, wenn sie mit Lichtgeschwindigkeit reiste, würde die Besatzung viel langsamer altern als die Bewohner der Erde. Vier Tage Reisen mit Lichtgeschwindigkeit entspräche auf der Erde einer Zeitspanne von vier Jahren. Viel besser ist es doch, den Raum mittels Warp-Antrieb zur Enterprise hin zu falten. „Allerdings wäre dafür die zwanzigfache Energie unserer Sonne nötig“, konstatiert Tolan.

In nächster Zeit scheint es also keine Warp-Antriebe geben zu können. Ebenso wenig wie das berühmte Beamen. „Laut der Relativitätstheorie entspricht Masse einer bestimmten Energiemenge. Um einen Menschen von normaler Statur für das Beamen in Strahlungsenergie zu verwandeln, bräuchten wir immerhin die Energiemenge, mit der Deutschland ein Jahr lang komplett mit Strom versorgt wird.“ Ganz abgesehen davon, ob es wirklich möglich ist, Atom für Atom den Menschen wieder genau zusammenzusetzen.

In naher Zukunft muss Metin Tolan also noch mit Auto, Zug und Flugzeug reisen. Aber er kann von der nächsten Generation träumen. Und die Wahrscheinlichkeiten berechnen.

  • Sein erstes Buch „Geschüttelt, nicht gerührt“ über die Physik in James-Bond-Filmen wurde zum Überraschungsbestseller. In „So werden wir Weltmeister“ erklärt er, warum Fußball der ungerechteste Sport der Welt ist, und in „Titanic“, was das berühmteste Passagierschiff der Welt mit einer Ente gemeinsam hat – und warum es sinken musste. Sein neuester Coup „Die Star Trek Physik“ ist ein Handbuch für jeden Star-Trek-Fan – und für jeden, der wissen will, ob wir im Jahr 2200 tatsächlich neue Galaxien erforschen werden. 
  • „Die Star Trek Physik. Warum die Enterprise nur 158 Kilo wiegt und andere galaktische Erkenntnisse“ 2016 Piper Verlag GmbH, München, ISBN 978-3492056533.