Lifestyle Veröffentlicht am 20.07.10 16:37

Zwischen Genuss und Lifestyle

Bekannt wurde der Ort durch seine Schroth-Kur, heute wird alles großgeschrieben, was mit Wellness zu tun hat

Sehr adrett und sehr sauber: In Oberstaufen leben rund 7200 Menschen.
Fern Morbach

Es ist Freitagnachmittag, die Sonne hat das Thermometer auf über 30 Grad klettern lassen, im Fernsehen hat die Übertragung des WM-Viertelfinalspiels Holland-Brasilien begonnen. Auf einer Terrasse stoßen zwei Rad-Touristen zu einer Gruppe von Einheimischen, die sich bei Weizenbier, Cola und Mineralwasser zum Public Viewing versammelt haben.

Es ist sehr ruhig in Oberstaufen, dem 7.200-Seelen-Ort im Allgäu, in dem sich laut Eigenwerbung der Genuss mit dem Lifestyle paart. In den Boutiquen mit den teuren Marken ist kaum ein Kunde zu sehen, der Juwelierladen sieht geschlossen aus und selbst von den vielen Singlen, die es angeblich zur Partnersuche hierher verschlägt, ist an diesem 2. Juli spätnachmittags nichts zu bemerken. Einige Stunden später werden sich die allein angereisten Frauen und die genauso allein angereisten Männer dann doch an den Best-Ager-Theken des Ortes treffen und sich umeinander bemühen.

Bayrische Gebirgskulisse. Oberstaufen wurde 2008 zum beliebtesten Wanderort Deutschlands gewählt.
Fern Morbach

Wohlfühl- und Wanderparadies

Oberstaufen ist aber weit mehr als eine Single-Börse vor einer bayrischen Traumkulisse. Als Wohlfühl- und Wanderparadies zwischen Bodensee und dem Märchenschloss Neuschwanstein bezeichnet die Fremdenverkehrs-Werbung den Ort. Er zeichne sich durch eine in der Tat herausragende landschaftliche Lage und moderne Einkaufs- und Hotelangebote aus. Mehr als 210.000 Gäste verbrachten im vergangenen Jahr ihren Urlaub in Oberstaufen; im Schnitt blieben sie etwas mehr als sechs Tage. Es gibt in Oberstaufen heute 60 Hotels, fast die Hälfte hat vier oder sogar fünf Sterne.

Einen Teil seines guten Rufes verdankt Oberstaufen seiner so genannten Schroth-Kur. Ja, der Ort ist nach wie vor das einzige anerkannte Schroth-Heilbad in Deutschland.

Tägliche Schwitzpackungen, der Wechsel von Trink- und Trockentagen, fettfreie, eiweiß- und salzarme Diät, dazu der Wechsel von Ruhe und Bewegung – sie machen das Geheimnis der Schrothkur aus. Vor allem gegen Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen, chronische Vergiftungen, Erkrankungen des Bewegungsapparates, Rheuma, Arthrosen und Übergewicht soll die Kur gut sein. Obendrein mindere sie das Herzinfarkt- und das Schlaganfall-Risiko.

Viel Reinigung, wenig Abnehmen

Vor zu hohen Erwartungen an die Gewichtsreduzierung durch eine Schrothkur warnen aber auch die einheimischen Experten. „Die Schrothkur führt vor allem zur Reinigung und zur Entgiftung des Körpers, wenn dabei auch noch das eine oder andere Kilo purzelt, ist das eher ein angenehmer Nebeneffekt“, sagt zum Beispiel Manuel Levinger, der Chef des einzigen Oberstaufener 5-Sterne-Hotels, des Allgäu-Sonne. Die ganz große Zeit der Schrothkurz scheint eh vorbei zu sein – heute wagt sich nur noch ein Viertel der Gäste an diese aus dem frühen 19. Jahrhundert stammende Anwendung heran.

In den vergangenen Jahren hat sich Oberstaufen ein neues Standbein zugelegt. Und das heißt – wie könnte es anders sein? – Wellness. In dem Ort gibt es heute die meisten Wellness-Hotels in ganz Bayern. Sie schwimmen mit auf einer Welle, die immer weiter schwappt und von der längst jeder Touristenort erfasst wurde, der eine Zukunft haben will.

Umso wichtiger ist es, sich mit eigenen Konzepten und Ideen auf einem zunehmend unüberschaubarer werdenden Markt zu positionieren. Viele Kunden und Erholungssuchende haben längst den Überblick verloren.

Fünf Sterne am Rande des Ortes: Das Hotel Allgäu Sonne setzt auf Gesundheit und gute Wellness.
Fern Morbach
Ruhe und Entspannung sollen die Gäste in den Hotels und im Ort finden.
Fern Morbach
Nirgendwo anders in Bayern ist die Wellness-Hotel-Dichte höher als in Oberstaufen.
Fern Morbach

Statt Pediküre und Maniküre mehr neue Techniken

„Wir haben uns auf das Thema Gesundheit spezialisiert, wir wollen aber nicht nur durch Show glänzen“, sagt auch Manuel Levinger vom Allgäu-Sonne. „Wir beschränken uns nicht auf die typischen und überall erhältlichen Wellness-Anwendungen. Wir bieten unseren Kunden stattdessen gute und professionelle Physiotherapie.“

Noch so ein Renner sind Schönheits- und Anti-Aging-Angebote, die es mittlerweile – inklusive von den Hotels selbst entwickelter Produktlinien – wie Sand am Meer gibt. Levinger: „Auch hier wollen wir weg von der klassischen Maniküre und der Pediküre. Stattdessen haben wir uns auf moderne Techniken spezialisiert“.

Als Beispiele nennt der Chef des 5-Sterne-Hotels das aufwändige Diät- und Gesundheitsprogramm Metabolic Balance sowie die Mikrodermabrasion und – ziemlich neu – die Ultraschall- und Radiofrequenzbehandlung: Vom Einsatz eines Multifunktionsgeräts dürfen sich zumal faltengeplagte Frauen dabei kleine Wunder erwarten. Bereits mit einer Stirn- und Augenfältchenbehandlung ließen sich – Zitat – „echte Woh-Effekte“ ohne Rötungen und Nebenwirkungen erzielen.

Die Radiofrequenzbehandlung der Haut wird im Allgäu-Sonne seit kurzem angeboten. Sie gehört zu den Neuerungen, die ab und zu sein müssen. Jedem Trend und jeder neuen Welle möchte Manuel Levinger trotzdem nicht hinterher hecheln. „Ich bin kein Typ, der nur Neues will. Ich bin für Stabilität und für alte Werte, unsere Gäste möchten Ruhe und Stabilität“, sagt der 43-Jährige, der das Hotel mit seiner Familie seit 1993 betreibt und als Quereinsteiger zum Hotelfach kam.

Wenn schon etwas Neues, müsse es auch gut sein. Das treffe auf die Radiofrequenz oder die Metabolic Balance zu. Das treffe aber auch auf die neue Terrassenstühle, die neuen Poolliegen und vor allem die schicken und teuren Flachbildschirme zu, mit denen die 155 Gästezimmer im Haupthaus und in den vier benachbarten Landhäusern ausgestattet wurden. Bei den Gästen, versichert Manuel Levinger, komme das alles gut an. „Wir haben viele Stammgäste, vor allem aber haben wir fröhliche Gäste“.

www.oberstaufen.de

www.allgaeu-sonne.de