Von Michèle Gantenbein
Als Kämpfer für die Rechte von Minderheiten und als Pro-Europäer wurde der heute 43 Jahre alte Journalist Xhem in seiner Heimat Kosovo von radikalen Banden massiv bedroht. Er floh Ende 2008, ließ seine Frau und seine fünf Kinder zurück. Sechs Monate nach seiner Ankunft in Luxemburg wurde er als Flüchtling anerkannt. Bis zur Familienzusammenführung vergingen insgesamt 14 Monate. Heute lebt die inzwischen achtköpfige Familie in Differdingen. Das Luxemburger Wort hatte die Familie vor zwei Jahren und vergangene Woche erneut besucht.
Die 16-jährige Genta (auf dem Bild die 4.v.l.) blickt etwas verlegen zu Boden und schüttelt den Kopf bei der Frage, ob sie Luxemburgisch spricht. Ihre sechsjährige Schwester Dhurata geht in den Kindergarten. Sie spricht die „fremde“ Sprache ohne Scheu, windet sich lachend auf dem Sofa hin und her, verschwindet und kehrt kurze Zeit später mit einem roten Ordner voller Zeichnungen zurück, die sie stolz präsentiert. Ihr zeichnerisches Talent ist unverkennbar. Auch Genta malt gern und sie schreibt Gedichte. Wie der Vater, der gerade zwei Bücher geschrieben hat, die er übersetzen lassen möchte, auf Luxemburgisch und auf Französisch.
Seit Januar 2010 lebt die Familie in Differdingen. Die Caritas half damals bei der Familienzusammenführung. Seit seiner Ankunft in Luxemburg besucht Xhem Französischkurse, aber sein Sprachniveau reicht nicht, um Arbeit in Luxemburg zu finden. Seine Tochter Genta spricht fließend Französisch und muss als Übersetzerin herhalten. Manchmal ist das nicht so leicht, vor allem, wenn der Vater politische und soziale Themen in der Balkanregion anschneidet. Aber Wörter wie Kommunismus, Demokratie, Extremismus und Korruption versteht man auch ohne Übersetzung.
Xhem setzte sich als Journalist für die Demokratisierung seines Landes und für den Schutz von Minderheiten ein. Das war nicht gern gesehen in einem Land mit mafiösen Strukturen, in dem islamistische und kriminelle Banden versuchen, jede Demokratiebewegung im Keim zu ersticken.
Journalistisch tätig ist er immer noch. Seine politischen Analysen und Berichte schickt er an die Schweizer Diaspora kosovare. Parallel dazu arbeitet er an der Gründung einer Vereinigung, die sich gemeinsam mit Organisationen vor Ort für kriegsgeschädigte und traumatisierte Menschen einsetzen soll, für Frauen und Kinder vor allem. Außerdem möchte er verhindern, dass die einfache und ungebildete Bevölkerung sich von der extremistischen Mentalität im Land mitreißen lässt.
Xhem vermisst seine Heimat nicht, will seinem Land aber zu mehr Demokratie verhelfen. Ein Paradox? Irgendwie schon, meint er, aber seine Wirkungsmöglichkeiten seien von Luxemburg aus größer als innerhalb des Landes, ist er überzeugt. Im Gegensatz zu Xhem vermisst seine Frau Bahtije ihre Heimat sehr, die Kinder weniger, sie haben hier neue Freunde gewonnen. Das Nesthäkchen, die anderthalbjährige Melinda, wurde in Luxemburg geboren. Für sie wird die Flucht der Familie eines Tages wie eine spannende Geschichte klingen.
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