Lifestyle Veröffentlicht am 29.11.11 10:21

Wissenschaftler machen Sprit aus altem Gebäck

Inhaltsstoffe des Wohlstandsmülls besser nutzen

Nicht nur altes, sondern auch vergammeltes Brot kann zur Herstellung von Bioethanol verwendet werden.
Foto: Dan Roder

(dpa) - „ In Deutschland wird jährlich ein Überschuss von 600 000 Tonnen Brot produziert“, sagt Timo Broeker. „Wenn wir schon so viel Brot wegwerfen, dann sollten wir wenigstens dafür sorgen, dass es noch effizient genutzt wird“, fordert der Wissenschaftler am Institut für Lebensmitteltechnologie der Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Broeker untersucht in Lemgo in der Nähe von Bielefeld die Vergärung von Brot zum Kraftstoff Bioethanol.

In zahlreichen Laborversuchen hat Broeker die Weiterverarbeitung von Stärke aus Brotabfällen zu Kraftstoff so weit optimiert, dass die Brennerei Rockstedt in Norddeutschland bereits einen erfolgreichen Großversuch starten konnte. Zehn Tonnen Altbrot hat die Brennerei durch Zusetzung von Hefe und Enzymen zu 2453 Liter Bioethanol vergoren. Genug um fast 50 000 Litern Benzin die gesetzlich erforderliche Menge an Bioethanol beizumischen.

Ein Ergebnis, das das Unternehmen nun nach Kooperationspartnern suchen lässt, um in die Produktion einzusteigen. „Wir entnehmen dem Brotabfall Stärke und Zucker. Was übrig bleibt, ist die sogenannte Schlempe. Und die kann dann immer noch zu Tierfutter verarbeitet oder zur Gewinnung von Biogas genutzt werden“, erläutert Geschäftsführer Holger Borchers.

Neue Verwertung bisheriger Restabfälle

Kaskadennutzung lautet der Fachbegriff für die stufenweise Nutzung von Abfallprodukten mit dem Ziel, den Wohlstandsmüll so lange weiterzunutzen, bis alle Inhaltsstoffe verwertet sind.

Doch nicht nur Brot verarbeiten die Lemgoer Wissenschaftler zu Bioethanol: „Es funktioniert auch mit Pizza, Cornflakes und Torte. Besonders ertragreich sind alte Salzstangen.“ Timo Broeker will jedoch nicht reines Altbrot vergären. Das wird nämlich bereits in der Futtermittelindustrie genutzt.„ Im Unterschied zur Futtermittel- Industrie können wir aber auch vergammeltes Brot nutzen oder das angebissene Wurstbrötchen, das im Mülleimer landet.“ Bis zu 350 Milliliter Bioethanol haben die Lemgoer aus einem Kilogramm Abfall gewonnen.

Allenfalls Nischenprodukt wegen problematischer Ökobilanz

Der Umweltverband BUND in Berlin ist skeptisch:„ Die Ethanol- Herstellung ist sehr energieaufwendig und damit nicht der effizienteste Nutzungsweg für Biomasse wie Lebensmittelreste“, erklärt Reinhild Benning. Zudem lehne der BUND den Einsatz von Biomasse im Tank ab, da bislang die Effizienz der gängigen Motoren so gering sei, dass ein Großteil der Energie ungenutzt entweiche. „Klimaschutz ist mit Lebensmittelresten im Tank nicht sinnvoll zu betreiben. Stattdessen sollten Autohersteller Antriebe mit deutlich besseren Wirkungsgraden entwickeln.“

Als„ interessanten Weg“ schätzt Frank Brühning vom Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie die Gewinnung von Energie aus stärkehaltigen Lebensmitteln ein. Mögliche Probleme sieht er aber ebenfalls bei der Ökobilanz. Für kleinere Unternehmen, die dezentrale Kapazitäten vor Ort nutzen, sehe er hingegen eine lohnenswerte Nische.