Lëtzebuerg Veröffentlicht am 11.06.10 00:56

Was tun, wenn das Wachstum ausbleibt?

Finanzwissenschaftler Ewringmann mahnt zur Umstellung des "Luxemburger Modells"

Wertvolle Natur würde verschwinden, wenn das Wachstum ungebremst weitergeht.
André Reding

(vb) – Das "Luxemburger Modell" der steigenden Löhne und des sozialen Ausgleichs braucht vor allem eines: stetiges Wirtschaftswachstum, und zwar am besten über vier Prozent. Auf Dauer wird dies aber nicht möglich sein, warnt der Finanzwissenschaftler Dieter Ewringmann.

Im Auftrag des Mouvement écologique hat der Kölner Universitätsprofessor sich an die entscheidende Frage herangetraut: Was passiert, wenn das Wachstum unter die kritische 4-Prozent-Marke fällt? Sowohl die öffentlichen Budgets als auch die Rentenversicherung sind auf ewiges Wachstum aufgebaut. In der Vergangenheit klappte dies verblüffend gut: Zwischen 1990 und 2005 wuchs die Luxemburger Wirtschaftsleistung pro Jahr um durchschnittlich 5,5 Prozent.

In Zukunft wird der Wirtschaftsmotor jedoch nicht unverändert auf Hochtouren laufen, ist sich Ewringmann sicher. In allen westlichen Industriestaaten verlangsamt sich das Wachstum nach und nach. Auch in Luxemburg fiel es schon vor der Krise unter vier Prozent.

Verkehrsprobleme und Flächenverbrauch

Ewringmann bezweifelt überdies, dass hohes Wachstum überhaupt wünschenswert ist. Mehr Wirtschaftsleistung ist nur durch mehr Arbeitskräfte und damit mehr Grenzgänger oder Neu-Luxemburger zu schaffen – mit all den Verkehrsproblemen und sozialen Konflikten, die diese Entwicklung mit sich bringt.

Allein durch den Zuzug von weiteren Arbeitskräften wäre der Verbrauch von Boden und mithin Naturräumen immens, meint Ewringmann. Ein hohes Wirtschaftswachstum würde seinen Berechnungen nach dazu führen, dass im Jahr 2050 die Hälfte der Luxemburger Landesfläche mit Häusern und Straßen bebaut wäre. Ähnliche Ergebnisse beim Energieverbrauch: Durch neue Immigranten und Grenzgänger würde er in nie gekannte Höhen steigen und die Klimabilanz des Landes weiter verschlechtern.

Auf wackeligen Füßen

Ewringmann fasst zusammen: "Wenn man nicht rapide etwas ändert, kommt man in ungeahnte Schwierigkeiten." Diese Schwierigkeiten tun sich seiner Einschätzung nach schon jetzt im Staatsbudget auf. Dort wird die Lücke in Zukunft noch steigen, wenn Einnahmen aus dem E-Commerce und dem Tanktourismus wegbrechen. Erst später, dafür umso schmerzhafter werde sich zeigen, dass das Rentensystem auf wackeligen Füßen steht.

Zusammenfassend schreibt Ewringmann in seinem Bericht: "Aus Nachhaltigkeitssicht wird ein allzu starker Glaube an die allein selig machende Gnade des BIP-Wachstums leicht zum Irrglauben."

Méco-Präsidentin Blanche Weber kann dem Wissenschaftler nur zustimmen. "Das Glück liegt nicht in einem immer höheren Wachstum. Wir müssen endlich mit dem Wachstumszwang Schluss machen und uns auf andere Ziele besinnen."

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