Kultur Veröffentlicht am 16.08.12 19:08

Träume gegen die Wirklichkeit - Sempé wird 80

Jean-Jacques Sempé wird 80.
Foto: MAXPPP/BEP/THEILLET Laurent/SUD OUEST

(dpa) - Was immer Nick auch tut, Papa hat es früher besser gemacht. Ob er das beweisen kann? Die vielen Pokale sind leider beim Umzug verloren gegangen, und hätte er nicht geheiratet, würde er noch heute eine Trophäe nach der anderen gewinnen.

Die Geschichten des kleinen Nick kennt jeder. Der aufgeweckte Bengel hat sich millionenfach verkauft und ist in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Wie viel Sempé steckt hinter dem Dreikäsehoch? Zu seinem 80. Geburtstag am Freitag (17. August) hat der scheue Zeichenkünstler, der seit 50 Jahren die Menschen beobachtet, erstmals einen tieferen Blick auf seine Kindheit und sich selbst geworfen.

Unverhohlene Ironie und spitzfindiger Humor

„Die Kindheit“ heißt sein vor wenigen Wochen herausgegebenes Werk, in dem er zahlreiche Eindrücke aus seinen jungen Jahren hervorgräbt und über sich und sein Leben philosophiert - in homöopathischen Dosen und in typischer Sempé-Manier. Das heißt: Mit unverhohlener Ironie und spitzfindigem Humor, die man aus seinem Album „L'information consommation“ (etwa: Informationskonsum) kennt, in dem er mit seinem feinen Bleistiftstrich die Massifizierung der Kultur und die Gehirnwäsche durch das Fernsehen ins Visier nimmt, oder aber aus „Saint-Tropez“, eine ebenso boshafte wie meisterhafte Gesellschaftssatire.

Bei Sempé muss man Werk und Leben des Autors trennen. Die Abenteuer sind reine Wunsch-Geschichten. Denn wie Sempé in seinem neuen Buch gesteht, war seine eigene Kindheit eher bedrückend. Ständig Geldprobleme und streitende Eltern: Keine schöne Erinnerungen an seine Kindheit, die er in Bordeaux verbrachte, wo sein Vater Lebensmittelhändler war.

Bildergeschichten als Fluchtmöglichkeit

Die Schulzeit war ebenso trostlos. Wegen Ungezogenheit flog er von der Schule. Mit 18 Jahren ging er nach Paris, wo er sich mehr schlecht als recht als Weinauslieferer mit dem Fahrrad oder als Bürojunge durchgeschlagen hat, bevor er 1950 das Zeichnen zum Broterwerb machte, zunächst als Karikaturist für verschiedene Medien wie die französischen Wochenmagazine „Paris Match“ und „L'Express“ oder die amerikanische Zeitschrift „The New Yorker“. Heute kann Sempé auf mehr als 40 Bücher zurückblicken, darunter die zum Klassiker gewordene Reihe „Der kleine Nick“.

„Weil ich ein trauriger Junge war, habe ich meine Zeit damit verbracht, an Anderes zu denken, mich wegzuträumen. Der kleine Nick dagegen hat eine sehr glückliche Kindheit, und ich habe sie so gezeichnet, damit man denkt, ich hätte auch so eine gehabt. Ich habe geträumt, um gegen die Wirklichkeit anzukämpfen“, sagte der hochgewachsene Mann in einem erstaunlich offenen Gespräch mit dem „SZ-Magazin“ vor wenigen Jahren. Bildergeschichten als Fluchtmöglichkeit.

„Ich zeichne meine eigenen Schwächen“

Sempé ist scheu. Er gibt nur selten und ungern Interviews. Warum? Er wähle oft die falschen Worte, und wenn die Leute über ihn schreiben, dann sei er am Ende darüber erstaunt, was sie über ihn geschrieben haben. Eine überraschende Antwort für einen Zeichner, der auch textet. In der Regel entwirft er keine Zeichnungen für fremde Texte, bis auf wenige Ausnahmen: die legendäre Nick-Reihe, die zusammen mit René Goscinny entstanden ist, „Die Geschichte von Herrn Sommer“ in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Patrick Süskind und „Catherine Certitude“ mit Patrick Modiano. In der Regel arbeitet der Karikaturist, Illustrator und Schriftsteller allein an seinem großen Schreibtisch, wo die meisten Geschichten entstehen.

Sempé entlarvt den Kleinbürger und Spießer in uns allen und nimmt sich dabei selbst nicht aus. „Ich zeichne meine eigenen Schwächen“, sagte er einst. Die trockenen, knappen Kommentare steigern den Witz der ausdruckskräftigen Zeichnungen. Und so ist er mit seinem liebevoll-ironischen Strich dem kauzigen bis schrulligen Charme der Bourgeoisie auf der Spur, dem kleinen Mann, der aus der Masse hervorstechen will, oder den Schönen und Reichen.

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