Business Veröffentlicht am 16.10.09 16:31

Sind die Börsen nicht zu bremsen?

Anne Arend und Pierre Stoll aus dem Handelsraum der Banque de Luxembourg geben jede Woche einen Rückblick auf die wichtigsten Ereignisse auf den Finanzmärkten und kündigen gleichzeitig die wichtigsten Termine für die folgende Woche an.

„Earnings Season“ der Banken bekräftigt größtenteils den Aufschwung

Letzte Woche hat die berüchtigte Earnings Season wieder angefangen. Weltweit werden die großen Firmen ihre letzten Quartalsergebnisse preisgeben und ihre Zukunftsaussichten verkünden. Diese Woche wurden die Finanzexperten von vielen Zahlen sehr positiv überrascht. Eines der wichtigsten Resultate war wohl das der Bank JP Morgan, die sowohl im Kundengeschäft als auch im Emissionsgeschäft tätig ist. Die zweitgrößte Bank der USA konnte mit ihrem gesunden Profit selbst die besten Prognosen der Analysten überbieten. Gut bewertet wurde auch die Tatsache, dass der Ursprung des Gewinns größtenteils im Bereich der Kapitalmärkte anzutreffen war. Vor genau einem Jahr mussten in genau diesem Feld viele Produkte mehr oder weniger wertlos abgeschrieben werden. Nun konnte JP Morgan in den meisten Bankbereichen schwarze Zahlen schreiben. Nur das Privatkunden- und Kreditkartengeschäft haben das Bild etwas getrübt. Wegen möglicher Zahlungsunfähigkeiten der Kunden auf Hypotheken und Kreditkarten musste die Bank hohe Geldrücklagen einplanen.

Aus der Finanzwelt kamen auch positive Nachrichten von der Citigroup. Sie konnte im letzten Quartal einen kleinen Gewinn aufweisen, wohingegen die Analysten eher mit einem Verlust gerechnet hatten. Leider waren die Nachrichten beim Bankgiganten Bank of America weniger überzeugend. Die Finanzexperten hatten zwar mit einem Verlust gerechnet, jedoch fiel dieser etwas größer aus, als es erwartet wurde. Im Gegensatz zu JP Morgan konnten die Abschreibungen auf Hypotheken und Privatkredite nicht durch Handelsgewinne kompensiert werden.

Resultate anderswo gemischt

Der weltgrößte Chiphersteller Intel konnte die Erwartungen der Analysten klar übertreffen und auch die Hoffnung auf eine Erholung der Chip-Branche ankurbeln. Für das laufende Schlussquartal rechnet Intel mit einem Umsatz von rund 10,5 Milliarden US-Dollar, mehr als die von den Analysten geschätzten 9,5 Milliarden. Leider waren nicht alle Resultate so positiv. Nokia musste für das dritte Quartal einen Verlust von 559 Millionen Euro ausweisen, der erste Nettoverlust seit 1996. Unter anderem drückte die Konkurrenz des iPhones von Apple auf die Verkaufszahlen im Smartphonebereich des finnischen Handyproduzenten.

„Wirtschaftlicher Realismus“ in Deutschland

In Deutschland wurde der ZEW-Index vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung publiziert. Dieser Finanzindikator wird aus dem Bild zusammengestellt, das sich die deutschen Finanzexperten momentan von ihrer eigenen Wirtschaft machen und wie sie die Zukunft sehen. Leider war er diese Woche mit seinem ersten Rückgang in 3 Monaten eher enttäuschend. Dies wurde als Signal verstanden, dass sich das Vertrauen der deutschen Investoren jetzt eher stabilisiert und der einstige Optimismus erstmal gebrochen ist. Die Finanzwelt spricht in diesem Sinn von einer Art „wirtschaftlichem Realismus“: man glaubt nicht mehr daran, in die schlimmsten Phasen der Krise zurückzufallen. Man ist sich jedoch auch bewusst, dass die zunehmende Arbeitslosigkeit, das Ende von Stimuli (wie zum Beispiel der Abwrackprämie) und der immer stärker werdende Euro dem zukünftigen Aufschwung einen Dämpfer verabreichen könnten.

US-Einzelhandelszahlen weniger enttäuschend als erwartet

Obwohl die Einzelhandelszahlen in Amerika im September ihren stärksten Verlust seit Anfang des Jahres verzeichnen mussten, waren sie weniger schlecht, als es die Finanzexperten vorausgesagt hatten. Wegen des Auslaufens der amerikanischen Abwrackprämie, dem „cash for clunkers“ Programm, waren sie von einem Verkaufsrückgang von mehr als 2 Prozent ausgegangen. Schließlich gab es „nur“ ein Minus von 1,5 Prozent. Wenn man von den Autoverkaufszahlen absieht, haben sich die anderen Einzelhandelszahlen sogar verbessert, und zwar um 0,3 Prozent mehr als vorhergesagt. Demnach scheint der amerikanische Verbraucher tatsächlich immer mehr an das Ende der Krise zu glauben.

Inflation bleibt weiterhin schwach

Sowohl in Europa als auch in Amerika wird das Leben nicht teurer. In der Eurozone ist der berühmte Warenkorb 0,3Prozent billiger als noch vor einem Jahr und auf der anderen Seite des Atlantiks ist er ganze 1,3 Prozent billiger. Die Tatsache, dass eine rasende Inflation wohl nicht die nächste Bedrohung der Finanzwelt ist, sollte den Börsen in der näheren Zukunft einen weiteren Grund zum Aufschwung geben. Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, erwartet, dass sich die Wirtschaft allmählich erholt und dass in den kommenden Monaten die europäische Inflation wieder langsam positiv werden wird.

Positive Aussichten der Federal Reserve

Der Sitzungsbericht der Federal Reserve im September konnte das weitgehend positive Gefühl der Märkte weiterhin bestätigen. Die Teilnehmer dieser Sitzungen beschließen normalerweise, unter dem Vorsitz ihres Präsidenten Ben Bernanke, wie es mit der US-Zinspolitik im kommenden Monat weitergehen soll. Um hier zu einem Entschluss zu kommen, müssen sie ihre Analysen und Erwartungen zur Lage der amerikanischen Wirtschaft austauschen. Die letzte Sitzung hat die Analysten positiv überrascht. Tatsächlich haben sich die wirtschaftlichen Aussichten der Mitglieder der Federal Reserve wesentlich verbessert. Gründe hierfür sind unter anderem eine Verbesserung des amerikanischen Immobiliengeschäfts, eine Stabilisierung der Konsumausgaben sowie der Aufschwung außerhalb der Vereinigten Staaten.

Fall der China-Exporte verlangsamt sich

Es gibt ein weiteres Anzeichen dafür, dass sich die Welt aus der schlimmsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg fortzubewegen scheint: Der Rückgang von Chinas Exporten hat sich verlangsamt. Tatsächlich gingen die Lieferungen nach Amerika und Europa im September nur um 15,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück, während die Finanzexperten mit einem Rückgang von 21 Prozent gerechnet hatten. Im August betrug das Jahresminus noch 23,4 Prozent. Die Welt scheint wieder Interesse an chinesischen Produkten zu haben und somit wird Chinas Wirtschaft wieder angekurbelt.

Wie reagierten die Finanzmärkte?

Die überwiegend positiven Nachrichten konnten die Börsen eine weitere Woche stabil halten. Der Dow Jones Eurostoxx 50 stieg um rund 0,5% und der amerikanischen S&P 500 konnte um über 1% zulegen. Der Dow Jones Industrial Average konnte sogar erstmals seit einem Jahr die symbolische Marke von 10 000 Punkten überschreiten. Die europäische Gemeinschaftswährung konnte weiterhin gegenüber dem US-Dollar zulegen. Ein Euro kostet jetzt fast 1,50 US-Dollar. Da die Amerikaner wohl auch in Zukunft ihre Zinsen tief halten werden und der allgemeine Aufschwung die Investoren von der Reservewährung Dollar fernhalten wird, sieht es in nächster Zukunft für die US-Währung eher schlecht aus. Allerdings würden billige Wechselkurse den amerikanischen Exporten zu Gute kommen.

Ausblick auf die nächste Woche

Unser Interesse wird mal wieder geweckt durch die US-Häusermarktstatistiken, aber natürlich auch durch die Fortsetzung der US Earnings Season mit Quartalsergebnissen von unter anderem Apple, Yahoo, Ebay, Texas Instruments, Pfizer, Bristol Myer Squibb, Wells Fargo und McDonald’s.