Von Ady Richard
Die weltpolitische Wende des 9. November 1989 war für Jean-Claude Juncker zunächst eine ganz persönliche und weniger erfreuliche Wende. „Ich habe den Fall der Berliner Mauer gewissermaßen im tiefen Schlaf erlebt und deshalb auch nur verschwommen in Erinnerung. Ich bin damals eben erst aus einem langem Koma nach einem schweren Verkehrsunfall aufgewacht“, erzählt Juncker. Dann fügt der Politiker Juncker hinzu: „Doch auch andere Politiker in Deutschland und in Europa haben den 9. November 1989 verschlafen. Auch ohne Unfall. Ich war nicht der einzige.“
In seiner „Rückbesinnung“ denkt der CSV-Politiker zunächst an den Nationalkongress seiner Partei vom 20. Januar 1990. Juncker wurde hier als Nachfolger von Jean Spautz zum Nationalpräsidenten der CSV gewählt. In seiner Antrittsrede sagte er sich damals „sehr bewegt“ über die „weltpolitischen Sprünge“ in Berlin. „Mit dem Fall der Berliner Mauer wurde Jalta begraben“, so Junckers heutige historische Analyse. Nicht nur Deutschland, sondern der ganze europäische Kontinent sei damals wiedervereinigt worden.
Der Staatsminister würdigt dabei vor allem die „große Lebensleistung“ des damaligen deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl. Die Einheit sei alles andere als einfach gewesen. Juncker habe die Widerstände etwa von Giulio Andreotti sowie vom niederländischen Ministerpräsidenten Ruud Lubbers in EVP-Kreisen „in lebhafter Erinnerung“. Vor allem sei aber der Fall der Mauer von den Menschen in der DDR selbst vollzogen worden. „Ich finde dies bemerkenswert. Der Fall der Berliner Mauer zeigt, dass Menschen Geschichte selbst in die Hand nehmen können. Wenn sie nur wollen“, so ein durchaus fordernder Jean-Claude Juncker.
Vor dem Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrise fügt der Chef der Eurogruppe jedoch hinzu: „Der Fall der Mauer war keineswegs ein uneingeschränkter Triumph des Kapitalismus über den Kommunismus.“ Nie habe er den Kapitalismus als „einzig möglichen politisch-gesellschaftlichen Entwurf“ gesehen, so der bekennende Anhänger der Christlichen Soziallehre weiter. Wichtig sei in jedem System die Bewahrung der „Würde des Menschen“. Dies sei die eigentliche politische Lehre für das 21. Jahrhundert. Und auch die ganz persönliche ...