Sport Veröffentlicht am 07.01.12 06:18

Mehr als nur die Stunde Null

Nachfolgeteam von Leopard-Trek noch stärker eingeschätzt / Bruyneel kann auf elf Tourerfolge als Teamchef zurückblicken

Startschuss für ein neues Abenteuer: Das Team RadioShack-Nissan hofft auf eine erfolgreiche Zukunft.
Foto: Fabrizio Munisso

Von Laurent Schüssler

Auf ein Neues! Die Spannung war praktisch greifbar, als am Freitagabend kurz vor 20 Uhr in der Rockhal in Esch/Belval die neu formierte Mannschaft RadioShack-Nissan vorgestellt wurde. Leopard-Trek war bereits stark eingeschätzt worden, RadioShack-Nissan ist laut Radsportexperten noch besser. Und verfolgt ein großes Ziel: die Tour de France 2012.

„Unser Ziel ist der Gewinn der Tour de France.“ Teamchef Johan Bruyneel, der das neu formierte Team leiten wird, legte die Karten gleich zu Beginn auf den Tisch. „Wir haben viele Ziele, aber eines, dem alle anderen unterzuordnen sind. Das ist jenes über drei Wochen gehende Rennen in Frankreich.“ Bruyneel soll also richten, woran Brian Nygaard und Kim Andersen im Vorjahr noch scheiterten. Andy Schleck zum Tourerfolg führen. Und das als Leader einer Luxemburger Mannschaft. Denn das ist ein Fakt: RadioShack-Nissan (ein Name, den das Team in der offiziellen Korrespondenz noch durch den Namen des dritten, US-amerikanischen Sponsoren – Trek – verlängert) ist eine Luxemburger Mannschaft. Nicht nur, weil die Truppe als Nachfolgeteam von Leopard-Trek weiterhin unter Luxemburger Lizenz fährt. Besitzer ist weiterhin die Leopard S. A., deren Besitzer der Luxemburger Geschäftsmann Flavio Becca ist.

RadioShack-Nissan ist vielleicht noch luxemburgischer, als es Leopard-Trek war. Auch wenn am Freitag offizielle Pressekonferenz ausschließlich auf Englisch geführt wurde. Dies war allerdings den internationalen Journalisten geschuldet. Mit Laurent Didier vergrößert immerhin ein dritter einheimischer Profi die Riege der Luxemburger Fahrer. Und seit diesem Jahr „leistet“ sich Leopard S. A. zudem den Luxus einer eigenen Nachwuchsmannschaft. Um Bob Jungels wurde ein Kontinentalteam aufgebaut – mit dem alten Namen (Leopard-Trek) und in den alten Mannschaftsfarben.

Kollektive Stärke gepriesen

Selbst wenn der Dress bei RadioShack-Nissan ein neuer sein wird – teilweise auch den neuen Sponsoren geschuldet – so ist doch die letztjährige Handschrift noch sehr stark zu erkennen. Und gleich bleiben auch die Ziele: Neben der Tour de France stehen die Ardennenklassiker ganz oben. Doch wie Bruyneel am Freitag mehr als einmal betonte: Die Mannschaft setzt sich aus so vielen starken Fahrern zusammen, dass bereits die Nominierung für die einzelnen Rennen für ihn zu einer echten Herausforderung wird.

„Wenn wir die Ausgangssituation realistisch betrachten, so sind Cadel Evans und Alberto Contador die beiden großen Favoriten auf den diesjährigen Tourerfolg. Doch Andy folgt gleich dahinter. Und ich bin überzeugt, dass wir als RadioShack-Nissan in Frankreich die stärkste Mannschaft stellen werden. Demnach gilt es, mit unserer kollektiven Stärke dieses kleine Handicap wettzumachen. So lautet unsere Herausforderung.“

Um dieses Ziel zu erreichen, wurde das Know-how zweier starker Teams zusammengelegt. Rennradhersteller Trek, der im Vorjahr Leopard-Trek und Team RadioShack austattete, hatte beide Seiten an einen Tisch gebracht. „Leopard hatte eine junge, talentierte und hungrige Truppe“, so Bruyneel. „Bei RadioShack hatten wir hingegen Sponsoren und erfahrene Fahrer. Es passte perfekt.“ Es kam allerdings nicht zu einer Fusion. „Capital Sports and Entertainment“, der Besitzer der amerikanischen Mannschaft, zog sich komplett aus dem Management zurück. Leopard S. A. übernahm alles. Und „schluckte“ so die ehemalige Mannschaft von Bruyneel.

4500 Zuschauer wohnten der Teampräsentation in der Rockhal bei.
Foto: Serge Waldbillig

Ohne Lance Armstrong

Ein Gerücht, das in den ersten Wochen des Bestehens hartnäckig die Runde machte, wurde auch entkräftet. Selbst wenn der siebenfache Tour-de-France-Gewinner Lance Armstrong durch seine Stiftung „Livestrong“ (einer der kleineren Partner) der Mannschaft ganz nahe steht, so mischt er sich doch nicht in das tagtägliche Geschäft ein. „Aber natürlich verfolgt Lance den Radsport noch sehr intensiv“, so Bruyneel. „Ich stehe noch in engem Kontakt zu ihm und jeder weiß auch, dass er ein großer Fan von Andy und Fränk ist. Wenn wir es brauchen, können wir jederzeit auf seinen Rat zurückgreifen. Ich bin mir auch sicher, dass er uns während der Tour besuchen wird. Mehr aber auch nicht.“

Der Worte waren genug gewechselt. Nun gilt die Wahrheit der Straße. Die neue Saison beginnt mit der Tour Down Under in Australien, die vom 15. bis 22. Januar gefahren wird. Kommt es gleich zu einem Erfolg für RadioShack-Nissan? Die Erwartungen sind fast noch größer als im Vorjahr. Obacht vor einem (immer möglichen) Fall.