Der Abstieg in eine Höhle ist immer wieder ein Abenteuer. Das war es bereits 1959 für eine Gruppe Jugendlicher, die Luxemburgs Unterwelt erforschen wollten. Was damals mit einfachen Mitteln begann, ist heute zu einer High-Tech-Aktivität geworden. Dazwischen liegen 50 Jahre Pionierarbeit des „Groupe spéléologique luxembourgeois“ (GSL) und rund 130 erforschte Höhlen im Großherzogtum.
Der Späleologentrupp kämpft gegen das unwegsame Walddickicht. Endlich – die Felswand. Davor eine Leiter: Der Einstieg zur Moestroffer Höhle ist nur über die steilen Sprossen zu erreichen. Medy Majerus, eine der Frontfrauen des GSL, sichert den Aufstieg. Gleich hinter dem Eingang ein dunkles Loch: Hier beginnt das Höhlensystem, das sich wie ein Labyrinth durch den Muschelkalkfelsen windet und damit das Abenteuer.
Die Öffnung im Felsen scheint wie ein riesiger Schlund. Da hinein? Ja, da hinein! Ed Sinner geht – oder besser kriecht – voran. Der Fels, in den vor Millionen von Jahren ein Wasserlauf sein Bett gegraben hat, zwingt den Menschen in die Knie. Die so entstandenen Höhlen sind knapp über einen Meter hoch, an manchen Stellen sogar niedriger.
„In dem vier Kilometer langen Gangsystem kann man sich zwar verirren, aber der Besuch ist immer wieder ein Erlebnis“, so Ed Sinner, einer der Gründerväter des GSL. Die Speläologengruppe – drei Frauen und drei Männer – die sich heute in das Tunnelsystem wagt, ist für das Unterfangen fachgerecht ausgerüstet: Helm mit Lampe, Overall, Wanderstiefel, Handschuhe. Thermo-Unterwäsche schützt vor Kälte – in den Höhlen herrscht schließlich eine Durchschnittstemperatur von neun Grad. „In den GSL-Anfängen sah das anders aus. Unsere Helme, teilweise von Panzerfahrern, stammten aus dem ,Store Américain‘, die Overalls von Mechanikern, einfache Stiefel und Handschuhe, das war's. Auf die Helme hatten wir Reflektoren von ausgedienten Taschenlampen montiert und schleppten schwere Karbidlampen durch die Höhlen. Heute sind diese mit LED- oder Halogenleuchten ausgerüstet“, weiß der Spezialist.
In den schmalen Gängen – manche Stellen kann man nur seitlich durchqueren – hinterlässt das einsickernde Oberflächenwasser Spuren: Winzige Wassertropfen an den Wänden leuchten im Schein der Helmlampe wie Bergkristalle, als Kontrastprogramm zum schlammigen, rutschigen Untergrund. Auf den Knien kriechend oder in der Hocke bewegt sich die Gruppe vorwärts. Bei der ersten Kreuzung mit mehreren Gängen wird gewiss: Ohne Plan oder sachgemäße Führung ist man hier verloren! „Dies ist mit ein Grund, weshalb die Höhle verschlossen ist“, erläutert der GSL-Pionier.
Wesentlich mehr Betrieb herrschte in der Moestroffer Höhle (bei Diekirch) vor etwa 40 Jahren, als diese Ziel eines großen Forschungsprojekts war. „Die rund 200 000 Jahre alte Höhle wurde damals klimatologisch untersucht und ihre Struktur topografisch erfasst. Dazu hatten wir in dem Labyrinth ein Netzwerk installiert, bei dem unter anderem Temperatur, Feuchtigkeit, Luftgeschwindigkeit, Kohlendioxid- und Radongas-Konzentration in Echtzeit gemessen und in einem Batterie-gespeisten Mikrocomputer gespeichert wurden. Auch der technische Ablauf der Untersuchungen wurde beschrieben – schließlich kommt in den Höhlen ja nicht der Strom aus der Steckdose“, schmunzelt Ed Sinner.
Seinen Erzählungen nach war aber nicht die Höhle von Moestroff der Auslöser für die Luxemburger Speläologie, sondern ein Ausflug von in der Jugendherbergsbewegung engagierten Jugendlichen in die Mamerlayen. „Wir waren damals 16 bis 18 Jahre alt und fasziniert vom Inneren der Erde“. Besonders die Entdeckung von archäologischen Schätzen machte die Unterwelt bei Mamer zu einem Höhepunkt der GSL-Geschichte. Anfang der 60er-Jahre entdeckten die jungen Höhlenforscher hunderte Meter lange Stollen eines unterirdischen Steinbruchs, der etliche Jahrhunderte alt war. Ed Sinner: „Vor Ort fanden wir Mühlsteine, die wohl dort hergestellt worden waren. Die Steinmetze hatten zudem mit dem Abfall eindrucksvolle Stützmauern entlang der gewundenen Galerien errichtet“. Seiner Meinung nach ist dies nur ein kleiner Teil eines archäologischen Mysteriums, dessen Rest es noch zu erforschen gilt.
In ihrer 50-jährigen Geschichte haben die Luxemburger Höhlenforscher viele der rund 130 Höhlen des Großherzogtums entdeckt, topografisch erfasst und Karten angelegt – für die neue Generation eine wertvolle Basis. „Wir führen die Arbeit unserer Pioniere fort, lieben und respektieren die Natur und freuen uns auf neue Entdeckungen“, lacht der 35-jährige Antoine Lejeune. Ziel ist derzeit die Erforschung des Schlaufelslach bei Mertert, in dessen Nachbarschaft noch mehrere Höhlen vermutet werden. Für die Nachwuchsspeläologen sind die sportlichen Herausforderungen extremer als vor 50 Jahren und Seiltechniken unerlässlich. Wie in anderen Sportarten gelten auch hier Superlative: Bis auf rund 2 000 Meter werden heute Höhlen in der Tiefe erforscht – allerdings auf Auslandsexpeditionen, denn in Luxemburg wird kaum die 100-Meter-Grenze überschritten.
Ob 20 oder 1 000 Meter – für die Pioniere und den Nachwuchs zählt allein das Abenteuer, sich ins Erdinnere zu begeben. Ed Sinner: „Man ist auf sich selbst gestellt, umgeben von der Naturgewalt. das ist der Reiz an der Speläologie.“ Diesem Reiz sind neben ihm mit Guy Schintgen und Jean-Marie Sinner zwei weitere Männer der ersten Stunde seit fünfzig Jahren erlegen und immer noch im Verein aktiv. Die Frage nach Luxemburgs schönster Höhle beantwortet der GSL-Mitbegründer diplomatisch: „Sie sind alle schön! Die größte Auswahl bietet das Müllertal mit seinen Klufthöhlen. Aber bei 130 haben wir schließlich die Qual der Wahl!“