(dpa). - Viele Ostdeutsche haben glänzende Augen, wenn sie sich an das Begrüßungsgeld erinnern. 100 Westmark, noch dazu geschenkt! Der Betrag, der DDR-Bürgern nach dem Mauerfall in die Hand gegeben wurde, war schließlich ein kleines Vermögen. Nahezu jeder kann 20 Jahre später erzählen, was er damit gemacht hat. Und viele haben etwas von dem aufgehoben, was sie bei ihrer ersten Fahrt in den Westen erstanden: Die Barbie-Puppe für die Tochter, das Matchbox- Auto, mit dem heute der Enkel spielt, die Schallplatte von Udo Jürgens ganz hinten im Schrank. Fast jeder erzählt eine Geschichte.
Auch die Rostockerin Maria Stark weiß noch genau, was sie im Dezember 1989 - kurz vor Weihnachten - in Mölln gekauft hat. Gelbe, gefütterte Gummistiefel für die beiden Jungs, „Gruppenbild mit Dame“ von Heinrich Böll und Süßigkeiten für die Kinder. „Kaffee auch, und dann hab ich in einem Blumenladen mein Portemonnaie umgestülpt. Die haben mir dann eine Pflanze geschenkt, weil mein Geld nicht mehr gereicht hat.“ Das Wunderholz stößt heute an die Wohnzimmerdecke bei der Endfünfzigerin, die mittlerweile in Hamburg lebt.
„Trabi angebufft, Oma weg und dann für 100 Mark Südfrüchte“, erzählt eine Erfurterin lachend über den ersten West-Ausflug ihres Mannes nach Coburg. „Und mit den Kiwis konnte ich erst mal nichts anfangen - ich hab die auf den ersten Blick wirklich für Kartoffeln gehalten.“ Ihren Mann hatte sie damals überreden müssen, das Geld abzuholen. „Das war ihm total peinlich.“ Andere hingegen nahmen das Angebot aus dem Westen sofort an. Und wie viele Menschen sich die 100 D-Mark doppelt oder gar dreifach abholten, ist nicht belegt - in manchem Kollegenkreis machen damals jedoch prahlerische Geschichten die Runde.
Unmittelbar nach der Grenzöffnung hatte es einen Ansturm aus dem Osten auf Banken und Sparkassen im Westen gegeben: Schlangen vor den Kassenschaltern, Angestellte mussten Überstunden schieben. Denn mit dem Mauerfall konnte jeder DDR-Bürger in den Westen reisen - und hatte damit Anspruch auf 100 D-Mark Begrüßungsgeld. Geld, das eigentlich nur für die geplant war, die den Arbeiter-und-Bauern-Staat mit Genehmigung verlassen durften, um etwa Verwandte im Westen zu besuchen. 260 Millionen Mark waren für das Jahr 1989 im bundesdeutschen Haushalt vorgesehen, die ausgezahlte Summe belief sich nach Schätzungen dann durch die überraschende Maueröffnung jedoch auf Milliarden.
Die Berliner hatten es nach dem Mauerfall einfach - zu Fuß oder per S-Bahn in den Westteil, Geld abholen, einkaufen. Fotos der damaligen Tage zeigen unzählige Menschen, beladen mit Einkaufstüten von verschiedenen Warenhäusern und Ladenketten. „Wir mussten da schon etwas mehr planen. Und wir hatten damit auch Zeit, einen Einkaufszettel zu schreiben“, erzählt eine Sächsin. An den Namen des Kaufhauses in Marburg erinnert sie sich noch genau, auch an die erste Coca Cola im Westen.
Andere hingegen hatten in der turbulenten Wendezeit keine Gelegenheit, sich für Westgeld anzustellen. „Ich hab keine Zeit gehabt“, erinnert sich der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière. „Und als Mitglied der DDR-Regierung mich im Rathaus Neukölln anzustellen, und zu sagen, ich möchte das Begrüßungsgeld haben, wäre mit etwas fatal gewesen.“ Der Vize-Präsident der letzten DDR-Volkskammer, Reinhard Höppner, meint sogar: „Der Rummel um das Begrüßungsgeld hat mich abgestoßen.“ Er spricht im Rückblick von einer „Gier, die ich nicht repräsentieren wollte“. „Und Schlange stehen mochte ich ohnehin noch nie.“