Lëtzebuerg Veröffentlicht am 23.11.11 07:10

Geteilte Schuld, volle Verantwortung

Nebenklage erkennt Fehlverhalten bei Pilot und Technikern, aber auch bei manchen Direktionsmitgliedern.

Beweismittel „Black Boxes“: Anhand der Flugdatenschreiber sowie des „Cockpit Voice Recorders“ rekonstruierten die Sachverständigen den Ablauf des Absturzes am 6. November 2002.
Foto: Marc Wilwert

(gs) - Am 22. Verhandlungstag im Luxair-Prozess standen am Dienstag weitere Plädoyers der Nebenklage auf dem Programm. Me Pol Urbany sprach dabei von einem Zusammenspiel zweier Fehlergruppen. Er sieht die Schuld demnach bei Pilot und Technikern, will aber auch den ersten, langjährigen Luxair-Generaldirektor von keiner Schuld freisprechen.

Die "zwei Fehlergruppen" von Rechtsanwalt Pol Urbany

Die erste Fehlergruppe setzte sich laut Me Urbany aus den Prozedur-Verstößen des Piloten und vor allem dessen verbotenem Manöver zusammen: das Aufheben der „Primary Stops“, also der mechanischen Sperren am Schubhebel, und das Bugsieren der Hebel in den nur für Boden-Bewegungen gedachten Beta-Bereich. Dieser Handgriff wäre allerdings ohne Folgen geblieben, wenn die zweite, elektronische Sperre, der „Secondary Stop“, funktioniert hätte.

Die zweite Fehlergruppe bestünde daher aus den nicht getroffenen Entscheidungen der verantwortlichen Luxair-Techniker, die eben nicht die Fehlfunktion an der „Skid Control Unit“ (SCU), die den „Secondary Stop“ außer Kraft setzte, behoben hatten. Nicht der Pilot allein habe demnach den Absturz zu verantworten, auch nicht allein die Techniker, sondern beide zu gleichen Teilen.

Kollektives Risiko

In diesem Zusammenhang rief Me Urbany nochmals die Gesetzeslage ins Gedächtnis: „Wenn zwei Fehler zu einem Unglück führen, das sich ohne einen der Fehler nicht so ereignet hätte, so sind beide Fehler zu gleichen Teilen als die Ursache des Unglücks anzusehen.“ Jemand der ein Flugzeug fliege, aber auch jener, der ein Flugzeug repariere, müsse sich immer des kollektiven Risikos bewusst sein, das die Luftfahrt in sich birgt, so Me Urbany weiter.

Des Weiteren sei ein „Service Bulletin“ gemäß Definition in der Fachliteratur gar nicht per se eingeteilt in „obligatorisch“, „empfohlen“ und „optional“, wie von den Angeklagten ausgesagt. Er liefere vielmehr klare Informationen zu einem Problem an einer Maschine. Die diesbezüglichen Aussagen der Angeklagten vor Gericht seien „Ausreden“ gewesen, die bewusst Verwirrung stiften sollten.

Und selbst wenn die Handhabe der „Service Bulletins“ entsprechend geregelt gewesen wäre, so habe dies ein Strafgericht gar nicht zu interessieren („autonomie du droit pénal“). Das Gericht habe sich ausschließlich mit der Frage zu befassen, ob die Verantwortlichen „en bon père de famille“ handelten, als sie mit diesen Mitteilungen befasst gewesen waren. Fokker habe nämlich geschrieben: „...wenn beide Räder des Fahrwerks gleichzeitig herausgefahren werden, kann der Secondary Stop für 16 Sekunden außer Kraft gesetzt werden...diese Möglichkeit ist zwar gering, kann sich aber bei jedem Flug ereignen“ (Although remote...this may happen at each flight)“.

Wenn ein Techniker diese Worte liest und anschließend nichts unternimmt, dann sei dies „Fahrlässigkeit in ihrer buchstäblichsten Form“, so Me Urbany. Fokker und sein Zulieferer ABSC hätten deutlich genug kommuniziert, sich wie die Angeklagten hinter diesen Unternehmen zu verstecken, sei daher „billig“.

„Saftladen mit guten Männern“

Im gleichen Kontext sprach Me Urbany in Bezug auf die Luxair in den 1990er-Jahren von einem regelrechten „Saftladen“, der nicht in jenem Maße funktionsfähig gewesen sei, wie es ein solches Unternehmen erfordert hätte. Hierzu zitierte der Anwalt aus einem internen Audit von Ende der 90er-Jahre, das Mängel an allen Ecken und Enden, insbesondere in der technischen Abteilung, aufweise. Ein Zeichen, dass in den 30 Jahren zuvor das Unternehmen nicht richtig geführt worden sei und vielleicht „gute Männer“, aber „kein qualifiziertes Personal“ auf wichtige Posten gesetzt worden seien.

In diesem Zusammenhang könnten sich der ehemalige technische Direktor und sein Generaldirektor denn auch nicht hinter den ihnen untergeordneten Abteilungsleitern verstecken. Auf zivilrechtlicher Ebene seien sowohl der erste Generaldirektor als auch der technische Direktor verantwortlich zu machen. Was die anderen beiden angeklagten Ex-Generaldirektoren angehe, so hatte Me Urbany aber Zweifel, ob diese etwas in dieser Sache haben unternehmen können, da sie erst zu späteren Zeitpunkten in der Verantwortung standen.

Noch einmal die Stimmen aus dem Cockpit

Wie angekündigt, spielte Me Urbany während seines Plädoyers nochmals Auszüge des „Cockpit Voice Recorder“ (CVR) vor. Dabei hatte er die CVR-Aufnahme tontechnisch bearbeitet, die Aufnahme damit optimiert, und allen Beteiligten das überarbeitete Beweismittel übermittelt. Bevor es allerdings zum Abspielen kam, widersetzte sich die Verteidigung des angeklagten Piloten dieses erneuten öffentlichen Vorspielens.

Aber weder die Staatsanwaltschaft noch das Gericht sahen einen Anlass, Me Urbany sein Vorhaben zu untersagen. Viel Neues förderte das ja bereits einmal abgespielte Material aber nicht zu Tage. Laut Me Urbany unterstrich es aber noch einmal die Attitüde des Bordkommandanten, der an jenem Morgen so schnell wie möglich landen haben wollen. Zudem wurde deutlich, dass es entgegen der Annahme des angeklagten Piloten – der sich ja eigenen Aussagen zufolge nicht mehr an den Absturz erinnern kann – der Beschuldigte selbst und nicht der Co-Pilot am Steuer der F50 gesessen habe. Am Mittwochnachmittag soll der restliche Teil der CVR-Aufnahme abgespielt werden, wenn Me Urbany sein Plädoyer fortsetzt.

„Kläger bereits entschädigt“

Me Jean Hoss, Anwalt eines angeklagten Ex-Generaldirektors, zeigte sich am Dienstag im Übrigen „verdutzt“, dass sein Kollege Me Loesch am Montag von einigen Anwälten der Nebenklage angegriffen worden war, nachdem er angekündigt hatte, ein Rechtsmittel anzuwenden, das dem Strafgericht die Kompetenz in Bezug auf die Schadenersatzforderungen abspreche.

Dieses Rechtsmittel sei laut Me Hoss das gute Recht der zivilrechtlichen Verteidigung und alle Anwälte hätten doch dieses Mittel voraussehen können, das sich auf internationale Konventionen berufe, die Entschädigungen bei Flugzeugabstürzen regeln. Es sei ja auch kein Geheimnis, dass alle Erben der 20 Opfer bereits entschädigt worden seien, einschließlich jener, die nun in diesem Verfahren nochmals Ansprüche geltend machen und einige dabei „unverhältnismäßige Forderungen“ stellen würden, so Me Hoss.

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