Interview: Gilles Siebenaler
Die Initiative „180 Grad – Die klimatische Wende“, hinter der die drei NGOs Greenpeace, Action Solidarité Tiers Monde und Caritas als Initiatoren stehen, hat bereits im vergangenen Jahr Konferenzen zum Thema Klimawandel organisiert und eine Studienreise nach Grönland unternommen. Am 27. Februar dieses Jahres werden einige Mitglieder nach Bangladesch aufbrechen. Im Vorfeld fand an der Universität Luxemburg eine Konferenz statt, für die die Veranstalter Vicente Paolo Yu, Koordinator von „South Centre“, gewinnen konnten, um den Klimawandel aus Sicht von Entwicklungsländern darzulegen. Im LW-Interview erklärt Yu die Position von Entwicklungsländern in den Diskussionen zum Klimawandel und schildert, welche Konsequenzen die Veränderung des Weltklimas auf jene zumeist armen Länder hat.
„South Centre“ ist ein „Think Tank“ für mittlerweile 50 Regierungen, in seiner Funktion vergleichbar mit der „Organization for Economic Cooperation and Development“ (OECD). Wir beraten Regierungen von Ländern wie China, Brasilien und Südafrika, aber auch von kleineren und ärmeren Nationen in Entwicklungsfragen. Wir machen Analysen und Nachforschungen auf vielen Gebieten und ein solches Gebiet befasst sich beispielsweise mit den Fragen zum Klimawandel.
Der Klimawandel ist für Entwicklungsländer kein reines Umweltproblem, sondern ein großes Entwicklungsproblem. Anders als in Industrienationen, die auf größere Ressourcen zurückgreifen können, wird der Klimawandel in einem Entwicklungsland direkte Konsequenzen auf wirtschaftlicher und sozialer Ebene haben. Er wird einen direkten Einfluss auf die Menschen und ihre Lebensführung haben.
Die „United Nations Framework Convention on Climate Change“ (UNFCCC), die 1992 vereinbart wurde, hält fest, dass die historische Verantwortung für den Klimawandel und die globale Erwärmung bei den Industrienationen liegt. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts wurden mehr als 75 Prozent der Treibhausgase von Industrienationen produziert. Und auch jetzt noch ist der Pro-Kopf-Ausstoß von Treibhausgasen in Industrienationen viermal größer als in Entwicklungsländern. In den USA liegt der durchschnittliche Pro-Kopf-Ausstoß von Treibhausgasen bei mehr als 25 Tonnen im Jahr, in Europa liegt der jährliche Durchschnitt bei 16 Tonnen. Zum Vergleich: Ein afrikanisches Land wie Mali hat eine Pro-Kopf-Ausstoß von einer halben Tonne. Selbst eine aufsteigende Industrienation wie China liegt jährlich bei durchschnittlich sechs Tonnen pro Person. Diese große Lücke zwischen den Werten zeigt, dass die Verantwortung für den Klimawandel ganz klar bei den Industrienationen zu suchen ist.
Das kann in zwei Hauptpunkte gegliedert werden. Zum einen wollen die Entwicklungsländer, dass die Versprechen, die 1992 im UNFCCC gemacht wurden, endlich realisiert werden. In diesem Vertrag, haben sich die Industrienationen dazu verpflichtet, die Emission von Treibhausgasen bis zum Jahr 2020 zu reduzieren, und zwar unter das Level von 1990. Bisher ist nichts geschehen oder nur sehr wenig.
Zum anderen fordern die Entwicklungsländer Hilfe von den Industrienationen. Diese Hilfe soll darauf ausgerichtet sein, dass die Entwicklungsländer gerüstet sind im Kampf gegen den Klimawandel. Daher darf es sich nicht um vereinzelte Projekte handeln, sondern es muss ein strategisches Programm mit Finanzierung und Technologie-Transfer her, das langfristige Resultate bringt. Bisher hat sich auch auf diesem Gebiet kaum etwas getan.
In Hinblick auf Kopenhagen hoffen die Entwicklungsländer auf eine Erneuerung des Versprechens von 1992. Und diesmal müssen schnellere Resultate her. Daher streben Experten ein neues Ziel an: Die Reduzierung des Ausstoßes von Treibhausgasen um 25 bis 40 Prozent bis 2020, wiederum ausgehend vom Niveau aus dem Jahr 1990.
Wie Luxemburg mit dem Problem des Klimawandels umgeht, muss die Luxemburger Regierung zusammen mit der Bevölkerung entscheiden. Als Vertreter der Entwicklungsländer würde ich mir wünschen, wenn Luxemburg mit gutem Beispiel voranginge. Luxemburg ist zwar ein kleines Land, jedoch hat seine Stimme Gewicht in der europäischen Union.
Die Teilnehmer sollen mit offenen Augen und mit einem offenen Herzen nach Bangladesch reisen. Sie werden eine Armut sehen, die wahrscheinlich noch niemand von ihnen vorher gesehen hat, sich noch nicht einmal vorstellen konnte. Und dann sollen sie sich ausmalen, wie diese Menschen vom Klimawandel getroffen werden und wie sie diesen meistern sollen. Der Großteil von Bangladesch liegt auf Höhe des Meeresspiegels. Das Land wird bereits jetzt von vielen Taifunen getroffen und das wird sich noch steigern. Der Wasserspiegel wird steigen und ganze Landstriche werden von der Oberfläche verschwinden, so auch Dhaka, das Wirtschaftszentrum des Landes. Ganze Lebensräume werden unter Wasser liegen. Die Menschen verlieren ihre Wohnungen und ihre Arbeitsstellen. Migrationen von Millionen von Menschen sind die Folge. Und wohin sollen diese Menschen gehen? Nach Indien? Nach Myanmar? Diese Länder haben ihre eigenen Probleme. Politische Konflikte, bis hin zu Kriegen können sich ereignen. Wie gesagt, für diese Menschen geht es beim Klimawandel ums Überleben.
Anmerkung: Das Interview wurde gekürzt. Den vollständigen Text finden Sie im Luxemburger Wort vom 30. Januar, auf Seite 25.
Leser schreiben an das Luxemburger Wort. An dieser Stelle finden Sie alle Zuschriften, die in der Zeitung veröffentlicht werden und weitere Lesermeinungen.
15'
11'
17'