Mit Lydie Polfer kehrt ein bekanntes Gesicht zurück ins Parlament. Die liberale Politikerin kennt alle Facetten des politischen Lebens: Als Bürgermeisterin leitete sie jahrelang die Geschicke der Hauptstadt, als Außenministerin bestimmte sie die Diplomatie des Landes. Zuletzt saß die liberale Politikerin im EU-Parlament, nun drückt sie auf Krautmarkt die Oppositionsbank.
Als Tochter eines Politikers – ihr Vater Camille Polfer war u. a. zwischen 1980 und 1982 Bürgermeister der Stadt Luxemburg – hätte es niemanden verwundert, wenn es sie bereits in jungen Jahren zur Politik gezogen hätte. Doch Lydie Polfer hatte erst einmal einen anderen Berufswunsch. Die studierte Juristin war nach dem Abschluss ihres Studiums zunächst als Anwältin tätig. Allerdings sollte die Juristerei ein recht kurzes Intermezzo bleiben.
Zu Politik zieht es sie erst, als sie im Rahmen eines Praktikums im Europaparlament ein Dossier erstellen soll, das die wichtigsten Gesetze der Regierung Thorn zusammenfasst, ein Dokument, das dann im Wahlkampf von 1979 Verwendung findet. Da ihr Vater nicht mehr antreten will, schickt die Partei Lydie Polfer bei den Parlamentswahlen ins Rennen: „Bis dahin war ich nicht einmal Mitglied in der Partei“, erinnert sich Polfer. Die damals 26-Jährige kann sich auf Anhieb durchsetzen: Als erste Ersatzabgeordnete rückt sie nach der Regierungsbildung ins Parlament nach. A propos Regierungsbildung: Bei den Koalitionsgesprächen ist die Nachwuchspolitikerin hautnah dabei. Zusammen mit Henri Grethen fungiert sie als Delegationssekretärin.
Nach zwei Jahren im Parlament folgt bereits der zweite Schritt. Lydie Polfer kandidiert im Oktober 1981 bei den Kommunalwahlen für die Hauptstadt. Die Liberalen werden stärkste Kraft und die junge Politikerin landet hinter ihrem Vater auf Platz zwei. Eigentlich war sie nicht angetreten, um die Geschicke der Gemeinde zu leiten. Doch dann geschieht das Unfassbare: Am Freitag nach der Wahl erleidet Camille Polfer einen Schlaganfall und fällt ins Koma. Als Zweitgewählte tritt Lydie Polfer die Nachfolge im Amt des Bürgermeisters an. Zwischen 1982 und 1999 lenkt die liberale Politikerin fast 18 Jahre lang vom Knuedler aus die Geschicke der Stadt Luxemburg. Mit Erfolg, denn sie kann die Ergebnisse ihrer Partei von Wahl zu Wahl steigern. Nach acht Sitzen im Jahr 1982 legen die Liberalen in der Hauptstadt 1987 deutlich zu und gewinnen einen Sitz hinzu: Bei der Wahl von 1999 sollten es am Ende gar elf Sitze werden.
Der Posten des Bürgermeisters war insofern eine Herausforderung, als Lydie Polfer bei ihrem Amtsantritt gerade einmal 29 Jahre alt war. Als blutjunge Politikerin musste sie sich gegen eine etablierte Männerriege durchsetzen. Was ihr anfangs an kommunalpolitischer Erfahrung fehlt, macht sie durch ihre Begeisterung wett. Und ihr Führungsstil kommt an. Sie weiß aber auch, dass sie alle Dossiers aus dem Effeff kennen muss. „Auf die ersten Gemeinderatssitzungen habe ich mich vorbereitet wie auf ein Examen an der Uni“, erinnert sich Lydie Polfer schmunzelnd.
Ab August 1999 beginnt dann eine neue Etappe in ihrer politischen Laufbahn. Die Liberalen legen bei den Wahlen zu und bilden zusammen mit der CSV die Regierung. Lydie Polfer wird Vizeprepremier, Außenministerin und Ministerin für den Öffentlichen Dienst. Nach fast 18 Jahren als Bürgermeisterin freut sie sich auf die neue Aufgabe.
Bei der Frage, was denn spannender war, das Amt des Bürgermeisters oder der Posten des Außenministers, will sich Lydie Polfer nicht festlegen: „Man kann die beiden Ämter nicht vergleichen, dazu sind sie zu unterschiedlich. Ich bin dankbar, dass ich beide ausüben konnte“, so Polfer. Als Außenminister habe man einen einmaligen Einblick in die Funktionsweise der internationalen Politik. „Das ist zwar nicht immer erbaulich, aber stets sehr spannend“, so Lydie Polfer. Da sie sich nicht direkt angesprochen fühlten, seien sich viele Bürger nicht immer darüber im Klaren, welche Interessen bei der Außenpolitik auf dem Spiel stehen, erklärt die ehemalige Diplomatiechefin.
Und genau hier sieht Lydie Polfer auch ein Problem der Europapolitik: „Zwischen dem, was sich die Menschen unter Europapolitik vorstellen und dem tatsächlichen Impakt der Brüsseler Entscheidungen gibt es eine große Diskrepanz,“ erklärt sie. Die liberale Politikerin muss es wissen, saß sie doch zwischen 1985 und 1994 und zwischen 2004 und 2009 im Europaparlament. Außerdem hat sie als Außenministerin bei den Verhandlungen zum Nizza-Vertrag und beim Verfassungsvertrag die Interessen des Landes vertreten.
Die Entscheidung, dem Europaparlament den Rücken zu kehren, hat ausschließlich familiäre Ursachen. Polfers Interesse an der Europapolitik ist nämlich ungebrochen: „Man kann das Kleine nur bewahren, wenn es in dem Großen gut aufgehoben ist. Und für Luxemburg ist das Große eben Europa.“ Wie wichtig Europa für Luxemburg sei, habe sich vor allem in der aktuellen Krise wieder gezeigt. Europa und die internationale Politik sind denn auch die Themen, um die sich Lydie Polfer in der laufenden Legislaturperiode vorrangig kümmern will.
Im Vergleich zur Außen- und Europapolitik sei die Kommunalpolitik natürlich wesentlich konkreter, da sei man viel näher am Bürger, resümiert Lydie Polfer ihre lange Erfahrung als Bürgermeisterin. Als Beispiele nennt sie das Geschichtsmuseum der Stadt Luxemburg und das Altersheim „Konviktsgaard“, an deren Gestaltung sie maßgeblich beteiligt war. Die Kommunalpolitik scheint der DP-Politikerin zu liegen. Wie anders wäre es zu erklären, dass sie im Anschluss an ihre Karriere als Chefdiplomat an ihre ursprüngliche Wirkungsstätte am Knuedler zurückkehrt: Seit dem 28. November 2005 sitzt sie wieder im hauptstädtischen Gemeinderat und seit Januar 2008 im Schöffenrat.
Was die Arbeit während der kommenden Legislaturperiode anbelangt, hat die neue DP-Abgeordnete eine klare Vorstellung: „Angesichts der Krise müssen die Parlamentarier zusammenarbeiten, unabhängig von der politischen Couleur.“ Um das wirtschaftliche Tief zu überwinden, brauche das Land auch eine konstruktive Opposition: „Wir müssen buchstäblich über neue Wege nachdenken und alle Optionen prüfen.“ Das Ziel hat Lydie Polfer klar vor Augen: Nach der Krise müsse das Land wenn möglich genau so gut, wenn nicht besser dastehen wie vor der Flaute.
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