Lifestyle Veröffentlicht am 06.10.09 10:13

Die Milch macht's

Ein Bad in Buttermilch? Die Wellness-Welle ist auf die Milch übergeschwappt.

Patricia und Thomas Fischer-Schwegler: „Wir suchten etwas Bodenständiges, etwas, das in die Region passt".
Fern Morbach

Wasser in einer Badewanne ist das normalste der Welt. In diesem Fall freilich ist es nicht mit dem Wasser getan. Nachdem ihr Gast in die Wanne gestiegen ist, füllt Marlies Müller noch einmal nach. Zum Wasser kommen Bergkräuter und vor allem Buttermilch dazu. 20 Minuten lang wird der leicht skeptische Besucher nun in der Wasser-Milch-Kräuter-Mischung liegen bleiben.

Fischen im Allgäu. Bis in den bekannteren Urlaubsort Oberstdorf sind es nur knapp sechs Kilometer.
Fern Morbach
Ein Milchfußbad wird angerichtet. Das soll der Haut gut tun und die Hornhaut geschmeidiger machen.
Fern Morbach
In der Alpe Ornach. Senner Mathias Martin (rechts) und Hirte Erwin Höchenberger produzieren in einer Saison fast vier Tonnen Käse.
Fern Morbach

Einer in der Wanne, vier Kühe an der Wand

„Das stärkt den Säuremantel der Haut, es beugt der Alterung vor und wirkt auch noch rückfettend“, klärt Marlies Müller auf und lässt die Tür ins Schloss fallen. Nun ist der Hotelgast allein mit sich und mit vier Kühen, die ihn von Fotos an den blau-weiß-gekachelten Wänden aus anstarren. Von draußen dringt ein kräftiger Geruch nach drinnen. Ein Bauer hat mit dem Ausbringen von Gülle begonnen. Wir befinden uns schließlich auf dem Land, genauer in Fischen im Allgäu, rund 550 Kilometer von Luxemburg entfernt.

In ganz Europa sind die Milchproduzenten in den vergangenen Monaten auf die Straße gegangen. Sie verlangen Anerkennung für ihre Arbeit und vor allem mehr Geld für die Milch. Denn die Milch macht’s. Diesen alten Werbespruch haben auch die Betreiber des 4-Sterne-Hotels Tanneck in Fischen, vor den Toren des bekannten Wintersportorts Oberstdorf, neu entdeckt und neu interpretiert. Patricia und Thomas Fischer-Schwegler haben das Naturprodukt Milch in den Mittelpunkt eines neuen Wellness-Konzeptes gerückt, das nun unter dem geschützten Namen „Milchwell“ vermarktet und verkauft wird.

„Wir suchten etwas Bodenständiges, etwas, das in die Region passt. Wir wollten nicht einfach ein Wellness-Konzept nur importieren oder eine Sauna im römisch-katholischen Stil kopieren“, sagt Patricia Fischer beim Gästeempfang. Selbstverständlich werden Milch-Cocktails gereicht. Zu Yoghourt kommen Bacardi Rhum, pürierte Erdbeeren, Maracuja und ein Schuss Organgensaft. Seit 1830 gibt es im Allgäu die Milchwirtschaft, sie ist seither ein wichtiger Wirtschaftszweig. „Wir möchten beweisen, dass man mit Milch mehr machen kann als sie nur zu trinken“.

Ein Kuhschwanz verwirbelt den Aufguss

Gesagt, getan. Und so beginnt das Anwendungsritual „Allgäuer Sahnehäubchen royal“ mit einer Sahne-Kräuter-Handkur mit Handmassage und Handbad. Nach einem Honig-Bergsalz-Peeling gibt es dann unter dem Blick von Kachel-Kühen das Bad mit Buttermilch mit Kräutern. Rein inhaltlich, lassen die Hotelbetreiber wissen, komme alles in ihre Milchwell, was Haut und Seele gut tue.

Den Themen Milch, Kühe und Bauern begegnen die Gäste des Tanneck auf Schritt und Tritt. In der Biosauna duftet es nach Milch und Honig, das Dampfbad kommt als Allgäuer Berghöhle daher, die finnische Sauna sieht aus wie ein Kuhstall. In der Sauna verwirbelt ein Kuhschwanz den Aufguss. Aus Lautsprechern dringt dazu atmosphärisch-adäquat ein kräftiges Muhen. Neben der Hotelrezeption steht eine Kunstkuh – an Susi können die Gäste das Handmelken probieren.

Wenig später, es ist mittlerweile später Nachmittag geworden, treffen sich ein gutes Dutzend Tanneck-Gäste neben dem Hotel. Auf dem Programm steht ein Milchfußbad. In bunte Bottiche werden Wasser und Milch gegeben, in denen dann die Füße gebadet werden. Und wozu soll das gut sein? Die Haut, heißt es, werde aufgeraut, dadurch ließe sich die Hornhaut besser entfernen. Und auch das abschließende Eintauchen der Füße in bedingt appetitlich aussehenden Lehm erfüllt einen präzisen Zweck – die Entschlackung soll angeschoben werden.

Alpin-crossover aus der Küche

Am Abend ist es im Restaurant des Hotels dann aber vorübergehend mit den Wohltaten der Milch vorbei. Die Küche hält, was die Karte verspricht: Filet vom Bachsaibling, Brennnesselschaum mit Leberwurst-Apfelcracker, Kalbsbackerl und Flusskrebse im legierten Pfifferlingsud mit Petersilien-Zitronenpesto. Sehr fein.

Von einem „Alpin-crossover-Menü“ geht die Rede und Thomas Fischer verrät, was sich hinter dem Wortungetüm verbirgt: „Wir haben eine alpenländische geprägte Küche, verbunden mit Einflüssen aus der asiatischen und der mediterranen Küche“. Die Weine dazu sucht Fischer selbst aus. Weine sind sein Hobby, entsprechend gut gefüllt und sortiert ist auch der Keller des Tanneck.

Das Allgäu wird neu entdeckt

Das wetterstabile Allgäu hat einen hervorragenden Winter 2009 hinter sich, Mitte September hat die Wandersaison begonnen. Noch spüre man, sagt Thomas Fischer, die Krise nicht. Im Gegenteil: Fischer will festgestellt haben, dass das Allgäu gerade dabei ist, neu entdeckt zu werden. Von Familien, von Best Agern, von anspruchsvollen Urlaubern, die sich bewegen wollen und auf der Wellness-Welle mitschwimmen.

Skifahren und Langlaufen im Winter. Wandern im Frühling und im Herbst. Und der Sommer? „Den nehmen wir mit“, sagt Thomas Fischer und erinnert seine Gäste daran, dass sie am nächsten Morgen früh aufstehen müssen. Kurz vor 9 Uhr fährt die Gruppe mit der Hörnerbahn zum Bolsterlanger Horn. In der Alpe Ornach warten schon Senner Mathias Martin und Hirte Erwin Höchenberger auf die Besucher.

Goldmedaillen-Gewinner auf der Alm

Mathias Martin ist nicht irgendwer. Nein. Mathias Martin ist ein Goldmedaillen-Gewinner. Im Jahr 2007 wurde er bei der fünften „Olympiade der Käse aus den Bergen“ mit Gold ausgezeichnet – für seinen Allgäuer Sennalp Käse. Von Juni bis September wird die Alpe Ornach bewirtschaftet, rund 50 Kühe werden hier jeden Tag zweimal gemolken, für den Senner und den Hirten bedeutet das, dass sie vier Monate lang Arbeitstage von 14 bis 16 Stunden haben.

Aus rund 40.000 Litern Milch stellen Mathias Martin und Erwin Höchenberger in einer Saison etwa 3,8 Tonnen Käse her. Der frische Käse muss jeden Tag fünfmal gewendet werden. Nach dreieinhalb Monaten ist der Bergkäse genießbar. „Wir haben ein reines Naturprodukt. Wir brauchen nicht Bio oder Öko drauf zu schreiben“, diktiert Mathias Martin den Journalisten in den Block. Wie gesagt: Die Milch macht’s.