Lëtzebuerg Veröffentlicht am 04.06.12 12:03

Blitzgescheit, aber oft einsam

Hochbegabte Kinder haben vielfach Schwierigkeiten in der Schule und sind in der Klasse isoliert. Interview mit der Luxemburger Therapeutin Mireille Schmitz.

Hochbegabten Kindern fällt es oft schwer, mit Gleichaltrigen ein normales Gespräch zu führen.
Foto: Shutterstock

Hochbegabte Kinder ecken oft an. In ihrer Schulklasse vielfach von Mitschülern ausgegrenzt und vom Lehrer in die Schranken verwiesen. Die Luxemburger Psychotherapeutin Mireille Schmitz erklärt, wie Eltern die Hochbegabung ihres Kindes erkennen und was die Schulen besser machen können.

Hochbegabte Kinder fallen in der Schule nicht nur durch schnelle Auffassungsgabe auf. Vielfach stören sie oder klinken sich ganz aus dem Unterricht aus. Wie können Eltern und Lehrer erkennen, ob das Kind hochbegabt ist?

Mireille Schmitz: Zweifelsfrei feststellen kann man das nicht. Hochbegabte Kinder sind unterschiedlich und legen ein vielfältiges Verhalten an den Tag. Man kann aber einige Gemeinsamkeiten zusammenfassen: Die Kinder sind sehr schnell im Denken, verheddern sich aber bisweilen. Sie können früh sprechen, sind sehr neugierig, worauf ihr Umfeld meist genervt reagiert. In der Schule haben sie oft eine krakelige, kaum zu entziffernde Schrift, weil ihnen die Geduld fehlt.

In der Klasse werden hochbegabte Kinder oft abgelehnt, weil sie intellektuell ihren Mitschülern überlegen, im Sozialverhalten aber ungeübt sind …

Mireille Schmitz: Ich würde nicht sagen, dass hochbegabte Kinder im Sozialverhalten unterentwickelt sind. Ich kenne einige, die sehr gut auf die Emotionen von Gleichaltrigen eingehen können und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besitzen. Sie schreiten bei Ungerechtigkeiten ein, selbst wenn sie selbst nicht betroffen sind.

In ihrer Altersgruppe werden hochbegabte Kinder aber vielfach isoliert, weil sie sich kaum mit ihren Mitschülern unterhalten können. Da fehlen doch die gemeinsamen Gesprächsthemen.

Mireille Schmitz: Selbst wenn sich beide Kinder für das gleiche Thema interessieren – wie zum Beispiel Fußball -, wird das Gespräch schwierig verlaufen. Das hochbegabte Kind hat viel mehr Wissen über Fußball angesammelt und wird deshalb naseweis klingen. Es erfährt dadurch häufig Ablehnung von Gleichaltrigen.

Diese besonders talentierten Kinder erleben ihre Veranlagung mitunter als Bürde. Schaffen es viele von ihnen, ihre Begabung zum Erfolg in Schule und später im Beruf umzumünzen?

Mireille Schmitz: Man kann nicht generell sagen, dass Hochbegabte einen hervorragenden Schulabschluss erreichen und später im Beruf Karriere machen. Im Beruf geht es um Erfolge und eine erfolgreiche Leistung bedarf der Motivation. In der Schule und der Familie herrscht ein Anpassungsdruck, viele hochbegabte Kinder versuchen sich zu verstecken, weil abweichendes Verhalten einfach nicht belohnt wird. Später im Berufsleben blühen sie aber manchmal auf, weil ihre Fähigkeiten plötzlich gefordert werden.

Das Luxemburger Schulsystem hat bisher hochbegabte Kinder eine Klasse überspringen lassen. Ist das eine Lösung?

Mireille Schmitz: Es ist eine Notlösung. Oft sind sie in der höheren Klasse auch gleich an der Spitze. Hinzu kommt der Altersabstand zu den anderen Schülern, der weitere Unterschiede schafft.

Wie beurteilen Sie die Grundschulreform in Luxemburg? Bringt sie den Hochbegabten Vorteile?

Mireille Schmitz: Die Reform geht in die richtige Richtung. Nicht gut finde ich, dass man sich auf leistungsschwache Schüler fokussiert. Hochbegabte brauchen genauso eine spezielle Förderung. Die Reform sieht vor, dass gute Schüler den schwächeren Mitschülern den Unterrichtsstoff noch einmal erklären sollen. Das allein vernachlässigt aber die Möglichkeiten der Hochbegabten. Sie könnten sehr viel mehr.

Was empfehlen Sie denn stattdessen?

Mireille Schmitz: In Luxemburg gibt es schätzungsweise 2400 hochbegabte Kinder. Das wären genug, um zwei Lycées für Hochbegabte zu gründen.

Die talentierten Schüler sollen abgesondert werden und die normal begabten und schwächeren Schüler an einer "Restschule" versammelt werden? In der Politik wird es dafür aber kaum eine Mehrheit geben.

Mireille Schmitz: Ich sehe Hochbegabten-Schulen nicht als Elite-Einrichtungen. Mein Vorschlag wäre es, Schulen so auszustatten, dass Hochbegabte das vorfinden, was sie brauchen. Und noch wichtiger: Wo sie so sein dürfen, wie sie sind.

Interview: Volker Bingenheimer

Mireille Schmitz hat eine psychotherapeutische Praxis in Heidelberg. Selbst Mutter einer hochbegabten Tochter, nimmt sie sich der Probleme dieser Kinder mit ihren ganz besonderen Bedürfnissen an. Am Donnerstag, 14. Juni, hält sie auf Einladung des Vereins Mensa einen Vortrag zum Thema "Förderung hochbegabter Kinder" in der Jugendherberge Luxemburg-Stadt (19 Uhr, 2, rue du Fort Olisy, Eintritt: 5 / 10 Euro).

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