Business Veröffentlicht am 19.02.10 06:39

AOL gibt Luxemburg endgültig auf

Mehrere Standorte in Europa werden wie im Januar angekündigt geschlossen

AOL leistete für den E-Commerce-Standort Luxemburg wichtige Pionierarbeit.
Marc Wilwert

(aho) - Von dem im Januar dieses Jahres angekündigten Kahlschlag bei AOL in Europa bleibt auch der Standort in Luxemburg nicht verschont. Zwar hatte AOL Europe Services bereits 2008 seine von hier aus gesteuerten Aktivitäten größtenteils veräußert.

Im Dezember 2009 wurde nun aber auch noch wie erwartet das Zugangsgeschäft von Compuserve verkauft, womit außer einer Hülle nichts mehr bleibt. Jetzt wird die Holding endgültig abgewickelt, wie ein Sprecher bestätigte. Damit dürfte auch AOL-Geschäftsführer Richard Minor nach zehn Jahren das Unternehmen verlassen. Er hat mit dem Aufbau von AOL Europe wertvolle Pionierarbeit für den E-Commerce-Standort Luxemburg geleistet. Für eine Stellungnahme war Minor nicht zu erreichen.

Im Januar hatte das amerikanische Mutterhaus, das seit Dezember 2009 als eigenständiges Unternehmen wieder an der Börse notiert ist, ein verschärftes Kostensenkungsprogramm angekündigt. Der Konzern, der bereits zuvor rund 1 100 Mitarbeiter im Zuge eines freiwilligen Abfindungsprogramms abbaute, will bis zu 1 400 weitere Beschäftigte entlassen. Von dem Kahlschlag betroffen ist vor allem Europa.

30 Mitarbeiter in der Blütezeit

In Deutschland, den Niederlanden, Finnland, Schweden, Norwegen, Dänemark, Spanien, Frankreich und Luxemburg werden die Aktivitäten ganz eingestellt. In Großbritannien soll die Mitarbeiterzahl ebenfalls kräftig reduziert werden. Es bleiben allerdings Marketing-Einheiten sowie ein Kundenangebot. Am Standort Luxemburg besteht ohnehin nur noch ein Sekretariat. In seiner Blütezeit arbeiteten hier rund 30 Personen.

Hintergrund für die drastischen Maßnahmen ist eine strategische Neuausrichtung bei AOL. Mit dem Internetzugangsgeschäft lässt sich heute kaum noch Geld verdienen. AOL will vor allem Inhalte produzieren, Anzeigen im Internet platzieren und dafür Provisionen kassieren. Doch die Umsätze entwickeln sich nicht wie erhofft. Jetzt müssen die Kosten runter. Von Luxemburg aus hatte AOL bis 2008 das Internetzugangsgeschäft für mehr als 5,8 Millionen Kunden in Frankreich, Deutschland und Großbritannien gelenkt. Das britische Zugangsgeschäft wurde damals an TPH Services verkauft, Neuf Cegetel übernahm das französische und Telecom Italia das deutsche Zugangsgeschäft.

Nach den Verkäufen 2008 blieb noch für eine Übergangsperiode die technische Betreuung der eigenen Ex-Kunden sowie die Betreuung der Compuserve-Kunden. Compuserve ist ein Internetprovider des US-Konzerns aus alten Tagen. Im Dezember vergangenen Jahres wurde dieses Geschäft schließlich an Telfort, die Mobilfunktochter der niederländischen KPN, veräußert. Bis wann die Holding AOL Europe Services abgewickelt wird, konnte ein Sprecher nicht sagen. Das seien laufende Prozesse, die von nationalen Gesetzen abhingen, hieß es dazu aus London.

Rückblick: der Aufbau einer neuen Nische

Hauptgrund dafür, dass Luxemburg überhaupt auf die Landkarte von AOL und anderen amerikanischen US-Konzerne kam, war die Mehrwertsteuerrichtlinie der EU-Kommission, die Luxemburg 2003 in nationales Recht umsetzte. Die Direktive sah vor, dass Anbieter von elektronischen Dienstleistungen aus Drittstaaten, die bisher nicht der indirekten Besteuerung innerhalb der Union unterlagen, aus Gründen der Wettbewerbsgleichheit gegenüber EU-Unternehmen auch zur Zahlung einer Mehrwertsteuer (MwSt.) herangezogen werden.

Luxemburg hatte als EU-Mitglied mit dem geringsten Mehrwertsteuersatz von 15 Prozent die Chance gesehen, ein neues Geschäftsfeld zu etablieren. In dieser Hinsicht hat AOL und insbesondere Richard Minor, der AOL Europe Services aufgebaut hat, Pionierarbeit geleistet. Er war maßgeblich daran beteiligt, dass sich in den letzten Jahren auch andere multinationale Gesellschaften wie Amazon, Ebay oder PayPal in Luxemburg niedergelassen haben. Die günstigen steuerlichen Rahmenbedingungen werden nicht mehr lange bestehen. Ab 2015 sollen auch elektronische Dienstleistungen dort besteuert werden, wo die Leistung erbracht wird. Dann muss sich der Standort Luxemburg vor allem durch bessere Kommunikationsinfrastrukturen sowie einen optimierten Anschluss an die internationalen Datenautobahnen behaupten.