Lifestyle Veröffentlicht am 01.01.01 01:01

Alpbauern und Kräuterfrauen gegen den Gesundheitskiller

Deutsche Wellness-Hotels rücken Stress mit ausgefeilten Programmen zu Leibe.

Die Langsamkeit neu entdecken. Bei Entschleunigungswanderungen geht es vor allem darum, nichts zu überhasten und sich wieder Zeit zu nehmen, um Eindrücke zu sammeln und die Natur neu zu entdecken.
Fern Morbach
Zimmermann und Wanderführer. Wolfgang Zeller versucht, seinen Gästen die Lust an der Natur neu zu vermitteln. „Genießt mit allen Sinnen, riecht den Herbst und den Winter.“
Fern Morbach
Balderschwang im Allgäu. Nicht mal 250 Menschen leben in der kleinsten Gemeinde Deutschlands. Der Ort gilt seit Jahren bei Wintersportlern als Geheimtipp, holt mittlerweile aber auch im Frühjahr und Sommer auf.
Fern Morbach

Seit einer Viertelstunde steht die zwanzigköpfige Gruppe an ein und derselben Stelle. Links zaghaft verschneite Berge, rechts das Tal mit dem Allgäuer Urlaubsort Balderschwang, oben ein wolkenlos blauer Himmel. Natur und Ruhe pur. Zum Genießen, zum Entspannen, zum Abschalten.

Gut zwei Stunden lang wollen die 20 Frauen und Männer an diesem Samstag Mitte November hoch über Balderschwang wandern. Und nun stehen sie immer noch am Ausgangspunkt und hören Wanderführer Wolfgang Zeller zu. Der kann stundenlang über die Berge, über die Natur, über die Pflanzen, über die Geographie und vor allem über die beruhigende Wirkung einer Entschleunigungswanderung philosophieren. Die meisten aus der Gruppe hören das Wort zum ersten Mal.

„Genießt mit allen Sinnen“

„Ihr sollt mehr Zeit einplanen als auf den Wegweisern steht. Nehmt Euch Zeit zum Schnüffeln, genießt mit allen Sinnen, riecht den Herbst und den Winter“, rät der gelernte Zimmermann seinen Gästen. Nach weniger als 15 Minuten Warten macht sich bei einigen dieser Gäste aber schon so etwas wie innere Unruhe bemerkbar.

Sie scharren mit ihren Wanderstöcken, treten von einem Fuß auf den anderen, nesteln an Kameras, Sonnenbrillen und Reißverschlüssen herum. Sie haben das Genießen, das Entspannen und das Abschalten verlernt. Genau auf diesen Augenblick hat Wolfgang Zeller gewartet.

Ja, die Natur mit den Sinnen wahrzunehmen – diese Fähigkeit sei im normalen Leben verloren gegangen. „Deshalb nehmen wir uns heute die Zeit, alles langsamer zu machen, stehen zu bleiben, vom Leistungsgedanken wegzukommen.“ Mit seiner Entschleunigungstour sagt Wolfgang Zeller dem Stress den Kampf an. Langsam, Schritt für Schritt, von Pflanze und Pflanze, von Wegbiegung zu Wegbiegung. Und am Ende dauert die Wanderung zurück ins Tal nicht, wie geplant zwei, sondern fast vier Stunden.

Ohne Schuhe durch das Moorgebiet

Um den Stress und besonders um das Stressmanagement dreht sich alles an diesem Wochenende im November im alpinen Wellnesshotel Hubertus in Balderschwang im Allgäu. „Lust auf Leben“ - das Leitmotiv des Hotels springt den Gästen schon bei der Ankunft ins Auge. Das Hotel ist fast bis auf das letzte Bett ausgebucht: Wellness, Beauty, Fitness, Ayurveda, Yoga – das sind Begriffe, auf die die gestresste Wohlfühlkundschaft anspringt.

Bei den Entschleunigungswanderungen übernimmt häufig Hotelchef Karl Traubel selbst den Part des Wanderführers. Er zeigt seinen Gästen nicht nur die Schönheiten der Allgäuer Landschaft, er führt sie auch zu den Menschen, die im Tal und in den Bergen leben: zu Alpbauern, Holzarbeitern oder Kräuterfrauen. Und er führt die Gäste zu seinen eigenen Lieblingsplätzen. Zum Piesenkopf, wo die Wanderer die Schuhe ausziehen und durch ein Moorgebiet waten oder zum Gottesackerplateau, einem versteinerten Gletscher, an dem die europäische und die afrikanische Kontinentalplatte aufeinander treffen.

Zum Nachdenken und zum Abschalten möchte Karl Traubel die Wanderer bringen. „In der Theorie wüssten wir alle, was richtig ist: Abschalten, jeden einzelnen Moment genießen. Bloß schaffen wir das nicht einfach auf Kommando, nur weil wir im Urlaub sind“, erläutert Traubel die Grundgedanken seines Aktivprogramms. „Der wahre Luxus liegt für uns deshalb im Rückzug – weg von den Zwängen des Alltags, hin zum Bewusstsein für das wirklich Wesentliche.“

Morgens Yoga, nachmittags Ayurveda

Der Tag hat mit 75 Minuten Yoga im Weitblick-Saal begonnen, er ging mit der Vier-Stunden-Wanderung weiter und nun gönnen sich die Gäste eine Paarzeremonie. Am frühen Morgen hat der perfekt Deutsch sprechende Inder Sammi Beg die Antistressler in Yoga eingeführt und sie Kräfte zerrend 15mal am Stück den Sonnengruß exerzieren lassen, jetzt zeigt er Mann, wie der Frau massieren soll. „Erfahrene Hände zeigen Ihnen den Weg über den Körper Ihres Partners…“

„Der heilsame Aspekt des Ayurveda liegt für uns im Geist der Berührung“, erklärt dazu Spa-Managerin Christa Traubel und lässt noch einen Satz folgen: „Wir wollen unsere Gäste spüren lassen, dass sie perfekt sind und zeigen ihnen Wege, sich anzunehmen wie sie sind.“ Das Highlight – verspricht schon das Hotelprospekt – unter den ayurvedischen Massagen sei die Abhyanga: „Entdecken Sie Sinnlichkeit und Lust, Liebe und Leidenschaft, Spannung und Erotik.“ 100 lustvolle Minuten halt. Für 199 Euro.

Gegen den Stress in der kleinsten Gemeinde Deutschlands

Balderschwang ist Deutschlands höchstgelegene und zugleich kleinste selbstständige Gemeinde. Der Ort liegt rund 550 Kilometer oder knapp sechs Autostunden von Luxemburg entfernt, bis ins Kleinwalsertal sind es 45 Autominuten.

Das Hotel Hubertus ist eines von 50 Hotels, die Mitglied in der Kooperation „Wellness-Hotels-Deutschland“ sind. Alle Häuser dieser Gruppe werden nach einem umfangreichen Katalog strenger Einzelkriterien ausgewählt.

Im vergangenen Jahr befassten sich Mitglieder von Wellness-Hotels-Deutschland besonders intensiv mit dem Thema Stress. Aus gutem Grund: Die Verfasser einer Studie eines Münchner Instituts waren zum Schluss gekommen, dass Stress – beziehungsweise dessen Bekämpfung – mittlerweile für sechs von zehn Gästen der wichtigste Buchungsgrund für einen Wellnessurlaub ist.

Und auch bei der Weltgesundheitsbehörde geht man schon seit längerem davon aus, dass Stressfolgen wie Burnout oder Depression in absehbarer Zukunft zu den häufigsten Ursachen für vorzeitige Arbeitsunfähigkeit zählen werden.

Wie die Autoinspektion

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse entwickelten mehrere W-H-D-Mitglieder Stress- beziehungsweise Antistressangebote. Geschäftsführer Michael Altewischer: „Es ist wichtig zu lernen, wie wir so mit dem Stress umgehen, dass er der Gesundheit nicht schadet.“ Stressmanagement ist das Zauberwort, das deswegen in den Hotels der Kooperation besonders groß geschrieben wird.

Programme, Pakete, Anwendungen haben allerdings ihren Preis. An einem Antistress-Wochenende kommen für ein Paar rasch einige Hundert Euro Zusatzkosten zusammen. Michael Altewischer versucht, die Dinge ins rechte Licht zu rücken: Niemand finde etwas dabei, ein- oder zweimal im Jahr für die Inspektion seines Autos teures Geld zu zahlen – das gleiche Geld müsse man auch für das eigene Wohlbefinden auszugeben bereit sein.