Editorial

Den Gräuel benennen

Christophe Langenbrink

Vergangenheitsbewältigung ist nicht jedermanns Sache. Das zumindest ist das knappe Fazit, das man aus den türkischen Reaktionen zu den Genozid-Äußerungen von Papst Franziskus am vergangenen Sonntag ziehen kann.

Immer abstruser und absurder klingen die Entgegnungen wütender, türkischer Politiker, die sich immer noch weigern, den Massenmord an den Armeniern vor hundert Jahren anzuerkennen. Dabei gehört doch die kritische, und vor allem ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte zu den Grundpfeilern eines demokratischen Staates. Warum also nicht den Gräuel beim Namen nennen?

Angesichts der zurzeit stattfindenden Gedenken an die Befreiung der verschiedenen Konzentrationslager, die an die Gräueltaten des Naziregimes und deren Genozid erinnern, klingt es umso unverständlicher, warum das Offensichtliche im 21. Jahrhundert noch so vehement verleugnet werden kann. Dabei ist der Massenmord vor einhundert Jahren längst eine historisch erwiesene Tatsache. Oder etwa nicht?

Kann es sein, dass die Türkei als Rechtsnachfolger des Osmanischen Reiches sich vor der Verantwortung drücken will? Stattdessen geht sie in die Offensive, beschwört abstruse Theorien herauf und beleidigt den Pontifex. So stellt man verwundert fest, dass knapp eine Woche vor dem 100. Gedenktag des Massenmords an die Armenier das Verneinen immer noch zur türkischen Regierungsrhetorik zählt. Eigentlich ein Unding! Verkennt die Regierung die Realität?

Tatsächlich haben seit 1965 bisher nur 22 Staaten offiziell die Deportationen und Massaker der Jahre 1915 bis 1917 als Genozid im Sinne der UN-Konvention von 1948 anerkannt. Erst am vergangenen Mittwoch hat das Europäische Parlament in einer Resolution die Türkei zur Anerkennung aufgefordert.

1984 hat das Permanente Völkertribunal die Massaker an Armeniern als Genozid bezeichnet, während der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte 2014 beschloss, den Begriff Völkermord in Zusammenhang mit den historischen Ereignissen von 1915 neu beurteilen zu lassen. Demnach wohl keine klare Sache!

Selbst Deutschland hadert. Warum? Muss es auf die Befindlichkeiten der in Deutschland lebenden türkischen Gemeinschaft Rücksicht nehmen? Nein! Vielmehr muss der Nachbarstaat die geschichtliche Bewertung der Ereignisse fürchten. War das Deutsche Reich zu dieser Zeit Bündnispartner des Osmanischen Reiches.

Doch viel beängstigender ist die Tatsache, dass im Kolonialkrieg zwischen den deutschen Truppen und den Völkern der Herero und Nama im heutigen Gebiet Namibias knapp zehn Jahre zuvor unter Generalleutnant Lothar von Trotha zwischen 80 000 und 100 000 Personen massakriert wurden. Der erste Genozid im 20. Jahrhundert! Bis heute bezieht die deutsche Regierung keine Stellung. Vergangenheitsbewältigung bleibt selbst für aufgeklärte Staaten problematisch!

So sollten die Worte von Papst Franziskus bei allen Gehör finden, wenn er sagt: „Wo es keine Erinnerung gibt, da hält das Böse die Wunden offen“. Nur die stetige Erinnerung an die Gräueltaten und der öffentliche Druck können auf Dauer verhindern, dass wir Fehler nicht wiederholen. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, wie wir Schandtaten in der Geschichte benennen. Ein Völkermord ist und bleibt ein Genozid.