Luxemburg hilft bei Katastrophen und Krisen

Kommunikation mit sieben Koffern

Satelliten-Bodenstationen von emergency.lu binnen zwölf Stunden einsatzbereit

Vor nicht allzu langer Zeit war Vanuatu von einer Stiftung, die Wert auf Lebensgefühl und Umweltverträglichkeit legt, noch zum „glücklichsten Platz der Welt“ gekürt worden. Seit dem 15. März 2015 aber ist auf der Insel nichts mehr, wie es wahr. An jenem Tag fegte der Zyklon namens Pam mit bis zu 300 km/h über den südpazifischen Inselstaat. Der Sturm forderte Dutzende Tote. Und binnen Sekunden wurden drei Viertel der 250 000 Einwohner zu Obdachlosen und Bedürftigen. Sie standen plötzlich vor dem Nichts. Die Regierung rief den Notstand aus und bat um Hilfe aus dem Ausland.

Vanuatu rief, Luxemburg kam. Weil nichts mehr ging. Im Gepäck: das „Rapid Deployment Kit“ von emergency.lu. Mit dabei: 
Brice Tavernier, ICT-Fachmann und freiwilliges Mitglied des humanitären Einsatzteams der Luxemburger Rettungsdienste. „Unsere Mission bestand darin, den Vereinten Nationen vor Ort kommunikationstechnischen Support zu bieten. Konkret bedeutete das, ein funktionierendes Netzwerk aufzubauen, um die Koordination von Suchtrupps und Erkennungsflügen zu ermöglichen und die Hilfe für die tatsächlichen Bedürfnisse der Einwohner der einzelnen, unterschiedlich stark betroffenen Inseln zu definieren.“ Auf diesen Einsatzzweck zugeschnitten sind die mobilen Satelliten-Bodenstationen von emergency.lu, die den umgehenden Aufbau eines Internet-Breitband- sowie eines Mobilfunknetzes ermöglichen – unabhängig von jeglicher Infrastrukur.

Haiti und die Luxemburger Regierung

Wo Hilfe gefragt ist, ist Koordination erfordert. Diese geht nur über Kommunikation. Ohne Kommunikation wird Helfen zwangsläufig zu einem chaotischen, wenn nicht gar zu einem aussichtslosen Unterfangen. Diesen Schluss zogen die freiwilligen Helfer des Luxemburger Zivilschutzes nach ihrem Einsatz auf der Insel Haiti, die 2010 von einem besonders schweren Erdbeben heimgesucht worden war.

Die Luxemburger Regierung wurde hellhörig und traf wenig später mit den heimischen Unternehmen „SES“ und „Hitec Luxembourg“ eine Vereinbarung über die Entwicklung und die weltweite Bereitstellung einer Lösung im Falle von Naturkatastrophen und/oder humanitären Einsätzen. Als zusätzlichen Partner nahm man die Airline „Luxembourg Air Ambulance“ mit an Bord, die im Bedarfsfall die Beförderung der „Rapid Deployment Kits“ gewährleistet. Das „Baby“ der so geschlossenen Arbeitsgemeinschaft erblickte im April 2011 das Licht der Welt und erhielt den Namen www.emergency.lu

Von 72 auf 12 Stunden – dank „SES“ und „Hitec“

„In Katastrophengebieten mit zusammengebrochenem Kommunikationsnetz dauert dessen notdürftige Wiederherstellung in der Regel mindestens 72 Stunden, also drei volle Tage. Seit, oder dank emergency.lu sind wir heute in der Lage, die Kommunikation binnen zwölf Stunden wiederherzustellen, Anreise inklusive“, erläutert Alan Kuresevic, Vizepräsident „Engineering“ von „SES TechCom Services“, den Zeitgewinn, der durch die „Rapid Deployment Kits“ ermöglicht wird. „Nach den traurigen Erkenntnissen von Haiti drängte sich die Entwicklung einer entsprechenden Lösung auf. Luxemburg ergriff in Form des Public-Private-Partnership mit SES und Hitec die Initiative und entwickelte die mobilen Satelliten-Bodenstationen. Die sind bis dato einmalig. Luxemburg ist das einzige Land weltweit, das eine derartige Einsatzlösung bereitstellen kann“, so Alan Kuresevic weiter.

Das selbst gesteckte Ziel, binnen zwölf Stunden inmitten eines Krisenherdes ein funktionierendes Kommunikationsnetz aufzubauen, wird durch die kompakten Abmessungen der „Rapid Deployment Kits“ überhaupt erst ermöglicht. Es wiegt lediglich 130 Kilogramm und wird in sieben Koffern, die allesamt der gängigen Luftfahrt-Norm entsprechen, befördert. Das System funktioniert völlig autonom, ist dank Dieselgenerator nicht auf eine externe Stromquelle angewiesen.

„Eine mobile Satelliten-Bodenstation ist dauerhaft auf dem Flughafen Findel stationiert und somit im Bedarfsfall umgehend verfügbar. Das bedeutet, dass wir binnen zwei Stunden starten können“, erläutert der SES-Ingenieur die Praxistauglichkeit der Luxemburger Erfindung. Eine weitere Station ist dauerhaft am Flughafen von Dubai stationiert, was den Transport in nahezu alle Winkel der Welt erheblich beschleunigt. Hiervon ausgenommen sind die USA, da sie in der Regel nicht auf fremde Hilfe angewiesen sind. „Am Ziel angekommen, bedarf es lediglich 40 weiterer Minuten, um die Station aufzubauen und betriebsfertig zu machen. Allein 30 der 40 Minuten werden für das Aufblasen des Luftkissens der Satellitenantenne benötigt“, so Alan Kuresevic weiter. Bei längeren Einsätzen wird die Antenne mit aufblasbarem Fuß gegen eine feststehende Variante getauscht, da die Lebenserwartung des „Ballons“ durch die teils starke Sonneneinstrahlung eingeschränkt wird.

70 Helfer können mit den „Rapid Deployment Kits“ umgehen

Der Erfolg gibt den Erfindern Recht: Mittlerweile verfügt emergency.lu über 17 „Rapid Deployment Kirs“, davon sechs mit aufblasbarer Antenne. Tendenz steigend. Anvisiert werden 40 solcher mobiler Stationen. Der Vertrag zwischen Regierung und den Unternehmen der Arbeitsgemeinschaft wurde kürzlich bis 2020 verlängert.

Etwa 70 freiwillige Helfer aus dem In- und Ausland wurden seit der Inbetriebnahme von emergency.lu im Umgang mit den „Rapid Deployment Kits“ geschult. Das ermöglicht es den Luxemburger Helfern, die Telekommunikationsplattform gegebenenfalls vorübergehend anderen, ausländischen Kollegen im betroffenen Gebiet zu überlassen, ohne dass dadurch die Hilfsaktion ins Stocken gerät. „Die Plattform bleibt in der Regel nur so lange vor Ort, bis das örtliche Kommunikationsnetz wieder funktioniert. Wir sind keine Konkurrenz der lokalen Netzbetreiber, emergency.lu ist nicht kommerziell ausgerichtet. Bittet man uns dennoch, länger zu bleiben, weisen wir unmissverständlich darauf hin, dass die weitere Nutzung unserer Dienstleistung dann aber in Rechnung gestellt wird“, führt Alan Kuresevic weiter aus.

Angefordert wird emergency.lu in der Regel von den Vereinten Nationen. So auch nach dem verheerenden Taifun „Haiyan“ auf den Philippinen im November 2013, wo emergency.lu die Grundlage für eine effiziente Koordinierung der Hilfe bildete. „Das war meine erste Mission in einem Katastrophengebiet“, erinnert sich Brice Tavernier, immer noch bewegt. „Dieser Einsatz hat mich tief berührt, die allgegenwärtige Verwüstung und dann die zahllosen Leichen, die überall herumlagen. Und die unfassbare Zahl der Personen in Not, jener Menschen, die dringend Hilfe benötigen. So etwas hatte ich bis dahin noch nicht gesehen.“

Bei der Ankunft des Trupps aus Luxemburg – einige Tage nach „Haiyan“ – konnte von Hilfe vor Ort nur bedingt die Rede sein. Trotz zahlreicher Organisationen, die bereits da waren. Es fehlte schlichtweg an der dafür unabdingbaren Kommunikation. „Wir wurden uns des tatsächlichen Ausmaßes der Katastrophe erst vor Ort bewusst“, so der 49-jährige Vater von zwei Kindern weiter. „Flughafen und Umgebung waren total zerstört. Und dann waren da diese Tausenden von Menschen, die dort Schlange standen und einfach nur weg wollten ...“

Die mobile Telekommunikationsplattform emergency.lu steht für das funktionierende Zusammenspiel von Mensch und Maschine, das Menschen in Not an nahezu allen Orten der Welt binnen kürzester Zeit Hilfe verspricht. „SES“ und „Hitec“ liefern die Technik, die Regierung finanziert, Brice Tavernier und seine Helferkollegen aus Luxemburg und der Welt organisieren die Kommunikation vor Ort. Im Schatten stehen dabei aber stets die Arbeitgeber der meist berufstätigen freiwilligen Helfer. Sie machen es überhaupt erst möglich, dass emergency.lu derart effizient betrieben werden kann.