Die Zukunft der Hautpflege

Schnell mal schön die Welt retten

Der Wissenschaftler Edouard Mauvais-Jarvis ist überzeugt: „Gesichtspflege ist für die Millennials ebenso eine Selbstverständlichkeit wie Umweltbewusstsein, gesunde Ernährung und Sport.“
Foto: Dior

(nr) - Es ist noch gar nicht so lange her, dass man mit den Cremetiegeln jeder beliebigen Luxusmarke problemlos einen Einbrecher hätte niederstrecken können. So unglaublich schwer lagen die massiven Glasbehälter in der Hand. Was nichts wog, war – zumindest vom Kundengefühl her – auch nichts wert.

Bis jetzt. Denn eine neue Generation an Konsumentinnen rückt nach, direkt in den Fokus der Kosmetikhersteller. Und die hält plötzlich nichts mehr von den übertrieben schweren Tiegeln für die ihre Baby-Boomer-Mütter jahrzehntelang bereitwillig ihr Geld ausgegeben haben. Das macht sich vor allem daran bemerkbar, dass der Hautpflegesektor, der daran gewöhnt war, Jahr für Jahr stattlich zu wachsen, seit knapp zwei Jahren mehr oder weniger stagniert. Die Ursachenforschung legt den betroffenen Firmen nah: Vergesst Falten, denkt an das Hier und Jetzt und werdet nachhaltiger!

Umweltliebende Selbstoptimierer

Eine Luxusfirma, die auf die wechselnden Bedürfnisse ihrer Kundschaft reagiert hat, ist Dior. Die „Hydra Life“-Linie, die erst Ende Februar lanciert wurde, richtet sich unter dem Motto „More with Less“ dezidiert an die Generation Y und alle anderen Frauen, deren Einstellungen sich im Laufe der letzten Jahre entsprechend verändert haben.

"Man muss die Flora quasi als vierte Hautschicht betrachten, die nicht außer Acht gelassen werden darf“, sagt Hautpflege-Experte Edouard Mauvais-Jarvis
Foto: Dior

„Moderne Frauen wollen zunächst einmal Produkte, die in jeder Hinsicht natürlicher sind“, erklärt der Hautpflegeexperte Edouard Mauvais-Jarvis, der seit 2007 als Kommunikationsleiter für Wissenschaft und Umwelt bei Dior tätig ist. Befeuert durch Social Media, denken Kunden heutzutage aufgrund ihres gesteigerten Gesundheitsbewussteins eher darüber nach, welche Stoffe sie bereit sind, ihrer Haut zuzuführen. Und nebenbei helfen sie dem Erscheinungsbild der Haut mit der passenden (makrobiotischen, veganen, cleanen ...) Ernährung und regelmäßigen Workouts nach.

Kein Wunder also, dass Naturkosmetik seit der Jahrhundertwende einen deutlichen Aufschwung erlebt hat: Immer mehr Nischenmarken konnten den Luxusmarkt erobern und dienen den konventionellen „Big Playern“ der Branche neuerdings als große Vorbilder. „Unsere neue Linie besteht zu 83 Prozent aus natürlichen Inhaltsstoffen“, so Mauvais-Jarvis. „Wir haben auf Parabene verzichtet und weitestgehend auch auf Silikone und Erdölderivate. Und wir haben darauf geachtet, dass die verwendeten Duftstoffe keine Allergene beinhalten.“

Doch mit dem grüneren Inhalt ist es längst nicht getan. Für die anvisierte Zielgruppe ist Umweltschutz ein zentrales Thema. Im aktuellen Fall von Dior bedeutet das, dass sie massiv an der Verpackung gearbeitet haben: Die Beipackzettel wurden durch QR-Codes ersetzt, die Wellpappe in den Schachteln wurde abgeschafft, ebenso die zusätzliche Umverpackung aus Zellophan. Und auch in Bezug auf den initial erwähnten Glastiegel hat sich einiges getan: Die Wände sind deutlich dünner als die vorherigen Exemplare. Ebenso wurde am Deckel gespart: Er ist nun dreimal leichter und unlackiert. Somit ist er neuerdings recycelbar. Unterm Strich mache das eine Verpackungsreduktion von rund 40 Prozent, was in weiterer Folge auch Lieferwagen und damit transportbedingte Abgase einspart.

Veraltetes Anti-Aging

Doch was nützt die umwelt- und hautfreundlichste Creme, wenn sie keine Wirkung erzielt? Die Bedürfnisse scheinen sich allerdings grundsätzlich verschoben zu haben. Effizienz ist wichtiger als je zuvor, aber auffallend ist, dass die Millennials einen deutlich entspannteren Zugang zum Altern haben. Niemand scheint sich mehr um künftige Fältchen und Linien zu kümmern.

Das liegt laut Edouard Mauvais-Jarvis zum Großteil daran, dass sie ein völlig verändertes Verhältnis zum Thema Sonnenschutz haben als ihre Eltern früher: „Als ich klein war, lag der stärkste Sonnenschutzfaktor bei acht, die meisten bei drei“, erinnert sich der Wissenschaftler. Heutzutage seien dagegen SPFs von 30 bis 50 normal. „Jeder weiß mittlerweile von klein auf, wie schädlich UV-Strahlen sind und dass man sich davor schützen muss. Dadurch ist UV-bedingte Hautalterung tatsächlich nicht mehr so ein großes Thema und die Menschen sehen zunehmend jünger aus.“

Die Selbstverständlichkeit, mit der die Kunden mittlerweile mit Sonnenschutz umgehen, schlägt sich übrigens auch darin nieder, dass viele Kosmetikkonzerne im Anti-Aging-Sektor neuerdings die Bekämpfung eines anderen, zeitgemäßeren Sündenbocks als Hauptverkaufsargument entdeckt haben: die Schadstoffe in der Luft – allen voran Feinstaub und PAK, einem Bestandteil von Dieselruß. Tatsächlich bestätigen aktuelle Studien, dass die Luftverschmutzung in direktem Zusammenhang mit der Zellerneuerung, Pigmentproduktion, Entzündungsreaktionen und vielen weiteren Hautprozessen steht.

Edouard Mauvais-Jarvis weiß um die Qualitäten der acht neuen „Hydra Life“-Produkte, darunter die „Fresh Hydration Sorbet Cream“, die „Glow Better Fresh Jelly Mask“ und der „Lotion to Foam Fresh Cleanser“. Die früheren Produkte der Linie sollen nach und nach ersetzt werden.
Foto: Dior

Eine "vierte Hautschicht"

Zum anderen sind im Selfie-Zeitalter und in Anbetracht hochauflösender Smartphonekameras nun primär schnelle Resultate gefordert, die die Haut quasi im Handumdrehen gut aussehen lassen. Mit einer verbesserten Feuchtigkeitsspeicherung ist hier viel getan. Das mag simpel klingen, was laut Mauvais-Jarvis aber nicht bedeutet, dass die Technologie dahinter nicht kompliziert ist.

Statt sich bloß auf die tieferen Hautschichten zu konzentrieren, beschäftigt man sich bei Dior neuerdings nicht mehr nur mit Zell-DNA, sondern auch mit den Genomen der Hautflora, also der Mikroorganismen (Bakterien, Pilze, usw.), die die Oberfläche besiedeln. Dieser wissenschaftliche Ansatz ist in der Fachwelt als Metagenomik bekannt.

„In den letzten zehn Jahren gab es bedeutende Entdeckungen im medizinischen Bereich, die gezeigt haben, dass die Flora einen wichtigen Einfluss auf die menschliche Gesundheit hat. Die Studien bezogen sich hauptsächlich auf die Darmflora. Sie haben gezeigt, dass manche Krankheiten wie Fettleibigkeit, Diabetes und sogar Schizophrenie nicht nur mit unseren Genomen zusammenhängen, sondern auch mit den Genomen der Mikroorganismen aus denen sich die Flora zusammensetzt. Deshalb haben wir uns gedacht, dass sich das sicher auch auf die Hautflora anwenden lässt.“

In einer eigenen Studie habe man schließlich herausgefunden, wie die Hautflora zur Befeuchtung der Haut beiträgt: Die Hautflora bildet die für das reibungslose Funktionieren der Epidermis erforderlichen Proteine, Lipide und Zucker und ernährt sich im Gegenzug von bestimmten Abfallprodukten der Hautzellen. Basierend auf dieser Symbiose haben die Dior-Forscher einen Weg gefunden, Einfluss auf die Mikroorganismen zu nehmen, um so die Hautdurchfeuchtung zu optimieren.

Kein Ekel vor Bakterien

Aber bloß weil ein Ansatz Erfolge verspricht, bedeutet das nicht, dass die Menschen auch bereit sind, ihn anzunehmen. „Hätte man den Leuten früher etwas von Bakterien erzählt, hätten ihnen die Haare zu Berge gestanden. Sie wurden damals noch als etwas furchtbar Negatives betrachtet. Die meisten hätten wohl gesagt: ,Bakterien? Nein, ich bin sauber!'“ Durch die vielen Studien über ihre Nützlichkeit habe sich die Mentalität in Bezug auf das Thema aber zum Glück stark verändert.

Die technischen Möglichkeiten haben die letzten Jahre über natürlich ebenfalls eine Evolution erfahren: „Noch vor fünf Jahren hätte die DNA-Datenverarbeitung im Kosmetikbereich noch Jahre in Anspruch genommen. Heute sind nur mehr Monate nötig.“ Rund 40 Billionen Informationseinheiten galt es laut dem Hautpflege-Experten zu verarbeiten. Das entspreche 150 000 Stunden Computerverarbeitung.

Doch bei aller Effizienz: Geht es nach der Generation Y, darf auch der Spaß beim Pflegen nicht zu kurz kommen. Blickt man sich inmitten der Neuerscheinungen um, stellt man fest, dass sich fast alle Firmen intensiv mit der Entwicklung moderner Texturen und Farben auseinandergesetzt haben. Vor allem Letzteres kommt nicht nur bei der Zielgruppe gut an, sondern auch bei ihren Instagram-Followern.