Zapping

Omerta auf dem Kalvarienberg

"Greenleaf" - Der unheilige Glanz einer Mega-Kirche

Tante Mavis (Oprah Winfrey) und ihre so gar nicht ähnliche Schwester Lady Mae (rechts, Lynn Whitfield).
Foto: Oprah Winfrey Network

Von Marcel Kieffer

Die in den USA florierenden Kirchen und Glaubensgemeinschaften stellen eine nicht von der Hand zu weisende gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Realität dar, der sich die amerikanische Film- und Fernsehindustrie bisher eher ansatzweise angenommen hat. Tatsächlich geben sie einen durchaus inspirierenden Handlungsrahmen für Produktionen aller Arten ab.

Dank einer Zusammenarbeit u.a. der amerikanischen TV-Ikone und Produzentin Oprah Winfrey und dem Drehbuchschreiber Craig Wright (Six Feet Under, Lost, Dirty Sexy Money) wurde nun mit „Geenleaf“ das sich anbietende thematische Neuland beschritten. Die vom Thema her typisch amerikanische Serie hat auch für europäische Ansprüche einen durchaus ansprechenden Unterhaltungswert und setzt sich dabei recht angenehm von gewohnter TV-Kost ab.

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Wer eine vordergründig sachlich-kritische, gar journalistisch-fachliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen der amerikanischen Mega-Kirchen erwartet, dürfte sich von „Greenleaf“ sicher zu viel versprechen, dennoch wird er so manche Problematik, die dem Thema anhaften, in der Serie wiederfinden.

Sie spielt in Memphis, im US-Bundesstaat Tennessee, in den opulenten Kulissen der schwarzen christlichen Kirche vom „Kalvarienberg“, die mit fester Hand und paternalistischem Habitus von Bischof James Greenleaf (Keith David) im Stil eines Familienunternehmens geführt wird. Die Söhne, Töchter und Schwiegerkinder der Greenleafs sitzen an leitenden Stellen einer weit verzweigten Businessfirma mit religiös-sozialem Auftrag, bei der es vordergründig um das Seelenheil der Mitglieder geht, im Grunde aber vor allem der Profit im Mittelpunkt steht.

Dunkle Familiengeheimnisse

Die Handlung lehnt sich an die Rolle der kritischen Tochter Grace „Gigi“ (Merle Dandridge) an, die nach dem Selbstmord ihrer Schwester Faith in den Schoss der Familie zurück kehrt. Sie stößt dort, vor allem bei ihrer scheinheiligen Mutter Lady Mae (Lynn Whitfield), auf Misstrauen, Ablehnung und Eifersucht, zumal ihr Vater, Bischof James, ihr Anerkennung und Zuneigung zollt. Hinter dessen Rücken spielen sich große und kleine Familiendramen, Krisen und Intrigen ab.

Doch auch dunkle Familiengeheimnisse dämmern hinter den glamourösen Mauern der Mega-Kirche, die zudem noch die Finanzinspektoren des US-Senats im Nacken sitzen hat. Was steckt hinter dem mysteriösen Selbstmord von Faith? Welche Schuld ist dem Bruder der Mutter Mae, Robert „Mac“, aufs Gewissen geladen, und was verbirgt der von dem Greenleaf-Clan ausgebreitete Mantel des Schweigens vor allem von dem dämonischen Schicksal der Familie mütterlicherseits, den McCreadys? Mit Hilfe der so gar nicht zu den Greenleafs passenden Tante Mavis (Oprah Winfrey) kommt„Gigi“ allmählich den Familiengeheimnissen auf die Spur.

Mit Momenten etwas langatmig und vorhersehbar, bietet „Greenleaf“ eine nicht immer durchgehend spannende Unterhaltung und lebt doch vom Glanz und Reiz eines zwischen Show und Business angesiedelten Milieus, das vor allem in den – leider durchwegs zu kurz geratenen – Gospel-Einlagen eine gewisse Authentizität versprüht. Vor allem Keith David als Bischof James bringt jene charismatische Strahlung auf den Bildschirm, von der der Erfolg – und Profit – des Phänomens der amerikanischen Mega-Kirchen auch in der Realität abhängen.

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„Greenleaf“ ist auf Netflix zu sehen. Die zweite Staffel ist schon abgedreht und läuft soeben in den USA an.